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Kalender und Kritik

Frankfurt/Main
Hoffmann & Lindholm «Hiding Piece»

«Nichts anfassen, nicht sprechen.» Die Anweisung klingt nach Museum. «Verstecken, wenn es dreimal klingelt.» Das geht entschieden in Richtung Kindergeburtstag. Noch eine Spielregel steht aus: «Im Versteck bleiben bis zum nächsten Signalton.» Schluss mit lustig. Das «Hiding Piece» von Hofmann & Lindholm lässt das Publikum auf engstem Raum im Dunkeln hocken und die Sinne schärfen. Bei jedem läuft ein eigener (Grusel-)Film ab.

Das Versteckspiel mit Kopfkino kam dem Künstlerpaar in den Sinn nach dem Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» in Paris. Ein Grafiker rettete sein Leben, indem er in einen Schrank unter einem Spülbecken kroch. Dieses Detail gab Hannah Hofmann und Sven Lindholm zu denken. Hier funktionierte ein Ur-Instinkt, den die westliche Welt – so glaubte man – nicht mehr braucht: Schutzsuche, Überlebenstaktik. Nun macht die weltweite Bedrohung durch Krieg, Terrorgefahr und Fremde Angst. Ein Gefühl, dem das Autoren- und Regieduo, beide sind auch Theater- Film- und Hörspielmacher, eine installative Performance widmet. Hofmann & Lindholm choreografieren das Publikum.

Minütlich darf ein Zuschauer rein: Hinter der Eingangstür liegt die große Bühne des tanzhauses nrw. Ein Doppelbett steht an der Seite und gut dreißig Schränke in verschiedenen Größen, Materialien und Farben bilden ein Hufeisen. In der Mitte eine Vitrine, deren Exponate eine junge Frau und ein junger Mann in regelmäßigen Abständen austauschen. Zu bestaunen ist gerade ein Vorhängeschloss mit dem Titel: «26 Stunden in embryonaler Körperhaltung. Transportboxen auf der Ladefläche eines LKW während der Sicherstellung durch Grenzbeamte. Szentgotthárd, 20. 9. 2015.» Der Ort liegt an der westlichen Grenze Ungarns. Aus Tagespolitik wird eine Kunstausstellung.

Es klingelt leise. Schnell in den hölzernen Kleiderschrank. Bei der kleinsten Bewegung knarzt er, es riecht modrig. Kaum Luft. Von wegen Tanzhaus – weniger Bewegung geht kaum! Erstaunlich, wie extrem sich die Wahrnehmung schärft. Schwere Schritte kommen näher, erschüttern den Schrank. Militärstiefel? Ein Blick durch den Türspalt enthüllt: Eine junge Frau in Straßenschuhen geht herum. Fünf Minuten können sehr lang sein. Draußen werden Bretter zu einem Regal aufgebaut. Als es zusammenstürzt, knallt es – das setzt Adrenalin frei. Es wird immer beklemmender. Wie mag es anderen Zuschauern in den winzigen Schränken gehen? Die Gedanken wandern: Flüchtlinge in den Zwischenböden von Fahrzeugen. Menschen in Todesangst im Versteck. Anne Frank. Was heißt überhaupt Versteck? Schutzraum, Gefängnis oder Falle? Als es klingelt, verlassen einige Zuschauer mit komplizenhaftem Grinsen ihr Mini-Refugium. Andere blicken ernst. Weil sie eine Ahnung erhalten haben, was Angst vor Gewalt bedeuten kann.

Hofmann & Lindholms Bewusstseins-Intervention ist eine beunruhigende Herausforderung. Infernalischer war da nur Susanne Linkes «Ruhr-Ort» von 1991: Eine unerträgliche Lärmattacke mit gleißendem Licht, die die Maloche der Stahlkocher spürbar machte. Gegrinst hat da, anders als hier, niemand.


Bettina Trouwborst / Tanz / Seite 40 / Dezember 2016

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