Anna Karenina» entfaltet enorme visuelle Kraft – dank opulenter Ausstattung, exquisiter Kameraführung und eindrucksvoller tänzerischer Elemente.
Ausschnitt aus der umfangreichen Besprechung in «tanz» 12/12. Abonnenten finden den Volltext hier.
Nach dieser Ballszene gibt es kein Zurück. Anna Karenina (Keira Knightley), die Frau eines angesehenen Regierungsbeamten (Jude Law), tanzt zum ersten Mal mit dem draufgängerischen Offizier Wronskij (Aaron Taylor-Johnson). Sie wirbeln im Kreis herum, tanzen sich in einen wahren Rausch hinein, bis selbst der Zuschauer mitgerissen wird vom Taumel ihrer Gefühle. Als die Musik verklingt, erwacht Anna wie aus einem Traum. Erschrecken und Schuldbewusstsein ergreifen von ihr Besitz. Denn die russischen Aristokraten ringsum haben ihre Verzückung sehr wohl bemerkt, allen voran die junge Kitty, die in Wronskij verliebt ist und eigentlich erwartet hat, dass er ihr einen Antrag macht. Aber der Tanz greift ins Räderwerk des Schicksals: Hier nimmt eine verhängnisvolle Affäre ihren Lauf, die mit der Selbsttötung Anna Kareninas enden wird.
Mag man schon tausend Ballszenen auf der Leinwand gesehen haben, so besitzt diese doch besondere Sogkraft. Was nicht zuletzt der Choreografie geschuldet ist, die Sidi Larbi Cherkaoui entworfen hat. Der britische Regisseur Joe Wright hat mit der Wahl des flämisch-marokkanischen Tanzschöpfers jedenfalls eine gute Hand bewiesen. Denn schon der Walzer, in dessen magischem Rund sich auch etliche Tänzer aus Cherkaouis Eastman Company drehen, ist Gefühlskatalysator und Erkenntnismoment, Thema und fantasievolle Variation zugleich. Cherkaoui kombiniert die vertrauten Schrittfolgen mit einem delikaten Spiel der Hände und Arme, das mal an Flamenco, dann wieder an Salsa erinnert. Wenn Anna und Wronskij ihre Unterarme aneinanderlegen, so gleicht das schon fast einer gewagten Liebkosung.
Sidi Larbi Cherkaoui war aber nicht nur für das Ballpanorama verantwortlich. Tanz und Musik sind außerordentlich bedeutungsvoll für den gesamten Film, weshalb Regisseur Joe Wright den Choreografen ebenso eng in die Dreharbeiten einbezog wie den Komponisten Dario Marianelli. Cherkaoui feilte zudem in einem Workshop mit den Schauspielern intensiv an deren Körpersprache – zu Keira Knightleys Begeisterung: «Ich bin keine Tänzerin, das ist nicht die Art und Weise, in der ich mich ausdrücke. Aber nur zu sagen, dass wir tanzen lernten, wäre nicht zutreffend. Alle Szenen wurden ‹Larbi›-fiziert.»
Seit 6. Dezember im Kino