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Nicht schlafen
Foto: Chris van de Burght
Gibt es Trost, wenn die Welt in Gewalt versinkt? Der Choreograf Alain Platel nimmt es mit Gustav Mahler auf, mit dem Vorlauf des Ersten Weltkriegs und den Katastrophen der Gegenwart

Eine Mischung aus perversem Interesse an gestörtem Verhalten und Empathie mit den Betroffenen sei es gewesen, die ihn als Heilpädagogen faszinierte, gab Alain Platel einmal im Gespräch mit der Dramaturgin Renate Klett zu Protokoll. In den mehr als 30 Jahren seines Choreografen-Daseins haben sich die Anteile bei dem Menschenversteher aus Gent allerdings verschoben: Das Perverse dominiert, die Empathie lässt nach. Wachsam blickt Platel in seiner neuen, bei der «Ruhrtriennale» uraufgeführten Produktion «nicht schlafen» in die Abgründe des Individuums – und feiert eine traurige Gewaltorgie. Die Bühne wird zum Schlachtfeld religiöser, ethnischer und geschlechtlicher Auseinandersetzungen. Ein hochpolitisches Stück.

Schaurig-schön liegen zwei präparierte Pferdekadaver auf einem niedrigen Tisch übereinander wie auf einem Altar. Das untere Tier liegt auf dem Rücken, einen Lauf in die Luft gereckt, noch denkt man sich nichts dabei. Auf dem Boden hinter dem Tisch ruht ein weiteres Tier, an lockeren Gurten befestigt. Später, wenn es in die Luft gezogen wird, wendet es seinen Kopf mit leicht geöffnetem Maul zum Publikum. Die Plastik der belgischen Bildhauerin Berlinde De Bruyckere, überzogen mit echter Tierhaut, bietet in ihrem unheimlichen Realismus einen Anblick des Grauens. Seltsam: Die tote Kreatur berührt in ihrer verletzlichen Leiblichkeit mehr, als es die neun Künstler tun – in 100 Minuten voll zahlloser, perfekt erlittener, auch gefährlicher Torturen.

Der wieder taumelnde Kontinent

Vielleicht ist Gustav Mahler schuld. Der Wiener Komponist der Belle Époque und seine spätromantische sinfonische Musik waren Alain Platel immer suspekt. Zu kompliziert, zu chaotisch für den Bach-Fan. Erst nachdem ihn der Freund und Mentor Gerard Mortier kurz vor seinem Tod 2014 mahnte, es sei Zeit, sich mit Mahler zu beschäftigen, dachte er darüber nach. Auch Jan Vandenhouwe, Musikdramaturg der «Ruhrtriennale», drängte in diese Richtung. Als Platel sich mit Mahler und seiner Zeit, insbesondere den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg befasste, packten ihn die historischen Parallelen zur Gegenwart – Mählers Musik öffnete er sich erst nach und nach. In einem Buch des Historikers Philipp Blom – «Der taumelnde Kontinent. Europa 1900 – 1914» – las er von der Unruhe in der damaligen Gesellschaft, davon, dass Künstler wie Mahler in ihrem Werk die fatalen Ereignisse schon erahnen ließen.

Damals veränderte sich der Begriff von Geschwindigkeit durch neue Technologien wie Autos oder Telefone. Heute beschleunigt das Internet die Welt. Platel erklärt im Gespräch, Blom beschreibe, wie sich damals das Verhalten veränderte «bis hinein in ökonomische, politische oder sexuelle Bereiche. Egoismus und nationalistische Tendenzen sind in kürzester Zeit aufgekommen, die wiederum Fluchtbewegungen ausgelöst haben.»

Hör auf zu beben

Auch Parallelen zum weltweiten Terrorismus sieht Platel. Er habe gelesen, dass vieles mit den Jahrhunderten zu tun hat, in denen Eu-ropa den halben Rest der Welt kolonialisierte und erniedrigte. «In dieser Situation rücken die Unterdrückten eng zusammen, und es entsteht die Gefahr eines großen Ausbruchs.»

Den probt nun auch Platel im neuen Werk, in der Hoffnung, der Utopie einer friedlichen Gesellschaft näher zu kommen. In seinem Cast, einer neunköpfigen Multikulti-Gemeinschaft, treffen u. a. Christen, ein Moslem, ein israelischer Jude und zwei Afrikaner aus dem Kongo aufeinander. Menschen, die wissen, was Schmerz und Leid bedeuten. Nur eine Frau ist unter ihnen – was aber nicht zu einem Vergewaltigungsszenario führt, wie sich befürchten ließe.

Ein Hirte ist die ganze Zeit anwesend, Symbol unerschütterlichen Gottvertrauens. Sicher? Der Schäfer reicht bald den riesigen Holzstab weiter und outet sich als höchst geschmeidiger Streetdancer. Alain Platel hat seine streng katholische Erziehung lange hinter sich gelassen. Bevor die Schäfchen zu Wölfen werden, intonieren sie noch andächtig vor dem Kadaver-Altar die Kantate «Hör auf zu beben» aus Mahlers Zweiter Symphonie. Dann fallen sie übereinander her, reißen sich die Kleider vom Leib, sodass deren Fetzen bis ins Publikum fliegen. Fast nackt – ästhetisch durchaus bereichernd – bekriegen sie sich weiter. Dumpfe Schläge, Ächzen und Stöhnen dringen, durch Mikrofone verstärkt, ans Ohr. Gleichzeitig – der Kontrast kann größer nicht sein – betrauert Mahlers sehnsüchtiges Adagietto aus der Fünften Symphonie (notorisch bekannt geworden durch Luchino Viscontis Film «Der Tod in Venedig») unsere aus den Fugen geratene Welt. Doch das ist nur der Anfang.

Sanftheit und Sadismus

Alain Platel tut, was in «Wolf», «vsprs» oder «Pitié!» so wunderbar geholfen hat: Er lindert das irdische Elend mit himmlischer Musik. Nur diesmal wirkt der Zauber nicht. Dabei hat Steven Prengels für seine Soundscapes aus Mahlers Symphonien die Sätze mit dem höchs­ten Besänftigungsfaktor gewählt und sie kaum merklich bearbeitet. Sogar Aufnahmen schlafender Tiere hat er verwendet. Aber der schwermütige Österreicher ist eben nicht Bach und schon gar nicht Mozart.

Es wechseln getanzte Mahnmale der Freiheit und Toleranz mit Szenen roher Gewalt. Wobei schon Platels Tanzsprache – raue, ungelenke Bewegungen mit vorgewölbtem Brustkorb – von tiefer Verstörung zeugt. Aus schönen, skulpturalen Balancen kleiner Gruppen entwickeln sich schnell anhaltende Machtkämpfe. Mit wachsender Brutalität.

Da singen die beiden Kongolesen, Fußglöckchen um die Knöchel, einen Pygmäen-Song, tanzen aufstampfend ein afrikanisches Ritual vor – und alle tun ausgelassen mit. Dabei bringt jeder Idiome aus seinem Kulturkreis ein. Nie sah man einen so unbeschwerten Grand Jeté. Es ist einer der schönsten Momente des Abends, gelebte Integration – Angela Merkel, die «Wir-schaffen-das»-Kanzlerin, wäre glücklich. Wenig später blendet Platel über zu der grausamsten Szene. Ein kahlköpfiger Kerl traktiert einen schmächtigen Blonden am Boden. Niemand hilft.

Irgendwann hält der Mann seinem Opfer den Mund zu, bis es sich nicht mehr regt. Die Frau schlägt dem Jungen noch hart auf den Rücken. Ein weiterer Mann greift in seinen Bauch, zerrt sadistisch an der Haut. Sie erliegen der Faszination von Gewalt. Da fasst sich einer der Farbigen ein Herz, nimmt den jungen Tänzer auf und trägt ihn wie ein Kind fort. Doch zwei Akteure reißen die beiden auseinander, tragen den Reglosen wie bei einem Beerdigungsritual über ihren Köpfen herum. Schließlich liegt der Tänzer-Körper wie ein weiterer Kadaver auf den Pferden.

Wachet auf!

Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass sich anschließend alle melancholischer Musik hingeben, ein Afrikaner Freudensprünge vollführt, der Jude sein Geschlecht präsentiert, einer den anderen würgt und das Opfer von eben den auf dem Rücken liegenden Kadaver schändet. Hier hat der Choreograf der Sozialfälle sein Vorbild Pina Bausch längst verlassen und sich der Drastik eines Johann Kresnik angenähert.

Ohnehin bleibt Platel selbst seltsam fern. Und sein Opus geht nicht wirklich nah, anders als viele seiner früheren Werke. Schon weil seine Gedanken über historische Parallelen, der große theoretische Überbau, sich nicht auf der Bühne spiegeln. Skizziert sind sie nur im Programmheft. So dreht sich die Gewaltspirale scheinbar ohne rechten Sinn. Dabei will der Flame mit «nicht schlafen» angesichts der globalen Bedrohungen einen Appell an die Menschheit richten, wie wir ihn bereits in «C(h)œurs» mit Wagners «Wachet auf!» vernommen haben.

Es gibt nur wenige Momente, in denen sich der welt- und zeitumspannende Anspruch ahnen lässt: Wenn die über hundert Jahre alte Musik erklingt, und die Tänzer von les ballets C. de la B. still lauschen – während die geschundene Kreatur auf dem Altar mahnend angeleuchtet wird. So verhallt der Weckruf aus Belgien vielleicht doch nicht ungehört.

Depot 1, Köln, 15. bis 17. Februar 2017  www.lesballetscdela.be


Bettina Trouwborst / Tanz / Seite 8 / Oktober 2016

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