«The Killer Inside Me», Regie: Michael Winterbottom, USA/ Großbritannien 2009; Berlinale-Wettbewerb
Das Markenzeichen von Michael Winterbottom ist, kein Markenzeichen zu haben. Der Tausendsassa unter den britischen Regisseuren probiert in jedem Film neue Themen, Techniken und Genres aus. Eine kleine Auswahl aus den letzten Jahren: Western («Das Reich und die Herrlichkeit», 2000), Musikfilm («24 Hour Party People», 2002), Science-Fiction («Code 46», 2003), Literaturverfilmung («A Cock And Bull Story», 2005) usw.. Mit recht unterschiedlichem Ergebnis: Für sein bewegendes Flüchtlingsdrama «In this world» erhielt Winterbottom 2002 den Goldenen Bären. Zwei Jahre später befremdete er mit «9 Songs» – der Film enthält nur Konzertmitschnitte und Sex-Szenen.
Diesmal ist ein Psychothriller an der Reihe. «The Killer Inside Me» basiert auf dem gleichnamigen Buch von Jim Thompson, der in den 1950er Jahren ein gutes Dutzend Romane in rascher Folge herunterschrieb. «Hard-boiled» nannte man diese Sorte Krimis. Auch im Film ist hart Gekochtes ein Leitmotiv: Gern schlägt die Hauptfigur ein paar Eier in die Pfanne und vertilgt sie. Kraftfutter für einen echten Kerl, der ansonsten kaum Möglichkeiten hat, sich zu beweisen. In seiner texanischen Kleinstadt setzen Männer stets den Hut auf, bevor sie ins Auto steigen, und reden Frauen noch mit «Madam» an.
Für Deputy Sheriff Lou Ford, gespielt von Casey Affleck, ist es daher ein erregender Auftrag, die Prostituierte Joyce (Jessica Alba) aus der Stadt zu vertreiben. Sie ohrfeigt ihn, er schlägt zurück, und schon landen beide im Bett. Doch ihre S/M-Affäre ist nicht von Dauer: In Joyce hat sich auch Elmar verguckt, Sohn des lokalen Baulöwen Chester Conway. Mit dem hat Lou noch eine Rechnung offen, da er ihn für den Tod seines Stiefbruders verantwortlich macht. Also muss Elmar sterben, und Joyce als Zeugin des Geschehens gleich mit: Lou prügelt sie buchstäblich zu Brei. Diese Szene walzt Winterbottom so sehr aus, dass sie manchem Zuschauer übel auf den Magen schlägt.
Wegen kleiner Fehler in seinem Kalkül gerät Lou rasch ins Visier der Fahnder. Auf seiner Suche nach einem Alibi müssen als Kollateralschäden drei weitere Mitmenschen dran glauben. Darunter seine Verlobte Amy (Kate Hudson): Lou richtet sie ebenso zu wie zuvor Joyce. Wie Büchners Woyzeck tötet er die Frauen, die er liebt. Aber nicht wie sein literarischer Ahnherr aus Verlustangst, sondern als zwanghaften acte gratuit: «Ich musste es tun, obwohl es verrückt war.»
Zwar deuten kurze Rückblenden in Lous Kindheit die Gründe für seinen sadistischen Blutdurst an, doch zugleich sind sie dem Regisseur erkennbar egal. Winterbottom begnügt sich damit, seinen Killer-Cop als den Bösen schlechthin zu dämonisieren. Mit diesem Film liefert er handwerklich solides Genre-Kino ab, Gruselstoff für die Spätvorstellung. Warum «The Killer Inside Me» für den Wettbewerb der Berlinale ausgewählt wurde, bleibt allerdings ein Rätsel – ähnlich wie der Auslöser für die brutale Raserei seines Helden.