kultiversum Startseite
Noch nicht angemeldet?   Registrieren

  |   Passwort vergessen
Berlinale 22

Rätselhafte Raserei
«The Killer Inside Me», Regie: Michael Winterbottom, USA/ Großbritannien 2009; Berlinale-Wettbewerb

Das Markenzeichen von Michael Winterbottom ist, kein Markenzeichen zu haben. Der Tausendsassa unter den britischen Regisseuren probiert in jedem Film neue Themen, Techniken und Genres aus. Eine kleine Auswahl aus den letzten Jahren: Western («Das Reich und die Herrlichkeit», 2000), Musikfilm («24 Hour Party People», 2002), Science-Fiction («Code 46», 2003), Literaturverfilmung («A Cock And Bull Story», 2005) usw.. Mit recht unterschiedlichem Ergebnis: Für sein bewegendes Flüchtlingsdrama «In this world» erhielt Winterbottom 2002 den Goldenen Bären. Zwei Jahre später befremdete er mit «9 Songs» – der Film enthält nur Konzertmitschnitte und Sex-Szenen.

Diesmal ist ein Psychothriller an der Reihe. «The Killer Inside Me» basiert auf dem gleichnamigen Buch von Jim Thompson, der in den 1950er Jahren ein gutes Dutzend Romane in rascher Folge herunterschrieb. «Hard-boiled» nannte man diese Sorte Krimis. Auch im Film ist hart Gekochtes ein Leitmotiv: Gern schlägt die Hauptfigur ein paar Eier in die Pfanne und vertilgt sie. Kraftfutter für einen echten Kerl, der ansonsten kaum Möglichkeiten hat, sich zu beweisen. In seiner texanischen Kleinstadt setzen Männer stets den Hut auf, bevor sie ins Auto steigen, und reden Frauen noch mit «Madam» an.


Für Deputy Sheriff Lou Ford, gespielt von Casey Affleck, ist es daher ein erregender Auftrag, die Prostituierte Joyce (Jessica Alba) aus der Stadt zu vertreiben. Sie ohrfeigt ihn, er schlägt zurück, und schon landen beide im Bett. Doch ihre S/M-Affäre ist nicht von Dauer: In Joyce hat sich auch Elmar verguckt, Sohn des lokalen Baulöwen Chester Conway. Mit dem hat Lou noch eine Rechnung offen, da er ihn für den Tod seines Stiefbruders verantwortlich macht. Also muss Elmar sterben, und Joyce als Zeugin des Geschehens gleich mit: Lou prügelt sie buchstäblich zu Brei. Diese Szene walzt Winterbottom so sehr aus, dass sie manchem Zuschauer übel auf den Magen schlägt.

Wegen kleiner Fehler in seinem Kalkül gerät Lou rasch ins Visier der Fahnder. Auf seiner Suche nach einem Alibi müssen als Kollateralschäden drei weitere Mitmenschen dran glauben. Darunter seine Verlobte Amy (Kate Hudson): Lou richtet sie ebenso zu wie zuvor Joyce. Wie Büchners Woyzeck tötet er die Frauen, die er liebt. Aber nicht wie sein literarischer Ahnherr aus Verlustangst, sondern als zwanghaften acte gratuit: «Ich musste es tun, obwohl es verrückt war.»

Zwar deuten kurze Rückblenden in Lous Kindheit die Gründe für seinen sadistischen Blutdurst an, doch zugleich sind sie dem Regisseur erkennbar egal. Winterbottom begnügt sich damit, seinen Killer-Cop als den Bösen schlechthin zu dämonisieren. Mit diesem Film liefert er handwerklich solides Genre-Kino ab, Gruselstoff für die Spätvorstellung. Warum «The Killer Inside Me» für den Wettbewerb der Berlinale ausgewählt wurde, bleibt allerdings ein Rätsel – ähnlich wie der Auslöser für die brutale Raserei seines Helden.
 


19.02.2010 Oliver Heilwagen
(6)

Sie müssen angemeldet sein, um diese Funktion zu nutzen.
Nicola Schwarzmaier
von Nicola Schwarzmaier am 22.02.2010 11:52 Uhr

Ich selbst habe den Film nicht gesehen, allerdings hat mich die Kritik von Jens Balzer in der Berliner Zeitung doch sehr schockiert. Ich habe selten eine so niederschmetternde Rezension gelesen.

Er spricht dort von einem «Frauenfeindlichen Fickfilm» und sieht gar den Ruf der gesamten Berlinale in Gefahr: «"The Killer Inside Me" ist ein Vergewaltigungsporno unter dünnem Arthouse-Mäntelchen. Wie konnte ein derart selbstgefälliger, kunstloser und unreflektierter sexistischer Dreck bloß in den Wettbewerb der Berlinale gelangen? Es ist ein kaum noch zu entschuldigender Fehlgriff, der geeignet ist, den Ruf dieses Festivals und der verantwortlichen Auswahlkommission dauerhaft zu lädieren.»

@Oliver Heilwagen: Ihre Kritik klingt nicht so harsch, «handwerklich solides Genre-Kino» ist zwar kein Kompliment, aber immerhin eine respektable Bewertung. Denken Sie, Jens Balzer übertreibt?

Nachricht schreiben!


Betreff:
TV & Film
TV-Klassiktipps
TV-Klassiktipps für den Juli 2010 Weiter
Berlinale ohne Schlange stehen
«Nowy Horyzonty» in Breslau ist Polens größtes Festival - es vereint die Vorteile von Berlin, Locarno und Venedig. Weiter
Renn, wenn du kannst
Ménage à trois mit Rollstuhlfahrer - die drei Protagonisten in Dietrich Brüggemanns Debutfilm sind eigenwillig und charmant. Weiter

Neueste Mitglieder
Bianca Jahnke- Oppoldcarsten reinhold schulzClaus KemmerCarola RümperLeón Wolfgang SchönauLudger LamersNorbert Sternmut
kultiversum

Akropolis goes Disneyland
Von wegen weißer Marmor: Antike Götter-Statuen waren grellbunt. Diese schockierende Einsicht bietet das Pergamon-Museum.

Als Kino noch Jazz war
Kino mit Orchestergraben und Orgel: Im Berliner Babylon werden 40 Stummfilm-Klassiker mit Live-Begleitung vorgeführt.

Die Hölle des Ideenreichtums
Jean-Pierre Jeunet setzt in «Micmacs - Uns gehört Paris!» auf poetischen Realismus und einen fulminanten Dany Boon.

Mein Heim, mein Käfig
Die Akademie der Künste zeigt eine Auswahl aktueller Werke von Mona Hatoum, der Käthe-Kollwitz-Preisträgerin 2010.
Kultur-Köpfe
Frank CastorfSasha WaltzLuc BondyMaurizio PolliniHeather JurgensenChristine SchäferDietrich Fischer-Dieskau
Im Fokus
Meist kommentiert
Meist gelesen
Liebesreigen Regisseur Matthias Glasner setzt Corinna Harfouch als mitfühlende Kommissarin in Szene. Filmstart war am 19. November. Weiter
(8)
Der letzte Auftritt Ein Exzentriker? Ein Jahrhundertmusiker? Auf jeden Fall ein Perfektionist. Michael Jackson: ein Dossier. Weiter
(4)
In wessen Unterbewusstsein? Leonardo DiCaprio taucht in «Inception» effektvoll in die Träume anderer Leute ein und fürchtet sich vor Realitätsverlust. Weiter
Als Kino noch Jazz war Kino mit Orchestergraben und Orgel: Im Berliner Babylon werden 40 Stummfilm-Klassiker mit Live-Begleitung vorgeführt. Weiter



Kontaktanfrage





Beitrag melden!


Geben Sie hier eine Begründung an, warum Sie hier einen Inhalt bedenklich finden (z.B. Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung, Anstiftung zu einer Straftat). Vielen Dank! Ihr kultiversum-Team





Setzen Sie Ihren Bookmark!