Terry Gilliam: «Das Kabinett des Dr. Parnassus», Concorde (2009)
Der Berg Parnassos gilt in der griechischen Mythologie als dem Gott Apollon geweiht und als Heimat der Musen - so wundert es nicht, dass sein Name im Verlauf der Geschichte angelegentlich für künstlerische Projekte, zumeist der schreibenden Zunft, bemüht wurde. Terry Gilliam machte ihn zum Namensgeber der Hauptfigur in seinem aktuellen Film, «Das Kabinett des Dr. Parnassus».
Dr. Parnassus (Christopher Plummer) ist Besitzer eines Vaudevilletheaters, das irgendwo zwischen dem fahrenden Stegreiftheater barocker Zeiten und den Spiegel- und Kuriositätenkabinetten der Jahrmärkte im 19. Jahrhundert angesiedelt ist. Der Eintritt in das Kabinett des Dr. Parnassus lenkt den Besucher tief in das Innere einer Camera Obscura, deren gespiegelte Realitäten sich in den Raum imaginierter Welten erweitern: Ein Blick in den Parnass'schen Spiegel ermöglicht den leibhaftigen Eintritt in die eigene Gedankenwelt. Der Übertritt von der einen in die andere Welt gibt Gilliam die Chance, eine Vielzahl von poetisch übersetzten Zitaten aus der populären Märchenwelt und darüberhinaus das Spiel mit der barocken Annahme vom «großen Welttheater» in opulenten Bildern und Special Effects auszuführen.
So spielt auch der Plot mit einer Variante des «Jedermann»-Motivs: Der zum Zeitpunkt der Filmerzählung bereits tausendjährige Dr. Parnassus schloss einst einen Pakt mit dem Teufel («Nick», gespielt von Tom Waits - wer wäre wohl passender!) im Tausch gegen das ewige Leben. Einzige Bedingung: das Herbeischaffen fünf armer Seelen innert drei Tagen zwecks Herniederfahrt in die Hölle oder aber das Leben von Parnassus lieblicher Tochter Valentina (gespielt von Lily Cole) mit deren Eintritt in ihr sechzehntes Lebensjahr.
Die Beschaffung der Seelen erweist sich als schwieriger als anfangs gedacht, so dass das Ensemble der Gauklertruppe rund um Parnassus sich einiges einfallen lassen muss, um dem Teufel doch noch das sprichwörtliche Schnippchen zu schlagen. Rettung aus hoher Not bietet der Kleinkriminelle Tony (Heath Ledger), der sich zwischen dem Personal des Wandertheaters vor seinen ebenfalls kriminellen Verfolgern aus den Reihen einer imaginären russischen Mafia versteckt und sich in Sachen Seelenfang als äußerst talentiert erweist.
Ebenfalls durchaus im Rahmen des «Jedermann»-Motivs lässt sich die moralisierende Kernaussage des Films als Reflexion der Finanzkrise und des konsumorientierten Denkens heutiger Zeiten fassen. Ebenso reflektiert der Film auf verschiedenen Ebenen den Tod seines Hauptdarstellers Heath Ledger, der während der Dreharbeiten verstarb. Gleich zu Beginn steht die Szene eines am Strick unter einer Brücke baumelnden Ledger, an anderer Stelle wird jung verstorbener Filmikonen wie Marilyn Monroe und James Dean gedacht.
Terry Gilliam zählt zu den Regisseuren mit einer beachtlichen Reihe gescheiterter Filme: so mussten die Dreharbeiten an «The Man Who Killed Don Quixote» im Jahr 2000 abgebrochen werden, weil ein Sturm das Filmset zerstörte und der Hauptdarsteller Jean Rochefort erkrankte. Jahrelange Rechtsstreitigkeiten mit der für den Film zuständigen Versicherungsfirma machten eine Wiederaufnahme des Projekts unmöglich. Gilliam war auch Wunschkandidat der Autorin Joanne Rowling als Regisseur für «Harry Potter», scheiterte jedoch am Veto der Produzenten. Aus dem selben Grund drehte er nicht «Der goldene Kompass» und eine Neuverfilmung von «Charlie und die Schokoladenfabrik».
Dass der plötzliche Tod seines Hauptdarstellers nicht das Aus für «Das Kabinett des Dr. Parnassus» bedeutete, verdankt Gilliam der Intervention von Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law. Ihre Bereitschaft, die Rolle von Tony in unterschiedlichen Sequenzen im Inneren des Kabinetts zu übernehmen, ermöglichte die Beendigung der Dreharbeiten mit verändertem Drehbuch. Die Aufnahmen mit Ledger in der «realen» Welt außerhalb des Imaginariums waren zum Zeitpunkt seines Todes bereits abgedreht, so dass es im logischen Rahmen des Plots möglich wurde, der Figur Tony in den Szenen im Inneren des Spiegels jeweils ein anderes Gesicht zu geben, verkörpert durch die besagte Riege hochkarätiger Schauspieler.
Ob ihre Intervention allerdings den Film gerettet hat oder diesen vielmehr verhindert, darüber streiten derzeit noch die Experten.
«Das Kabinett des Dr. Parnassus», Concorde (2009), Filmstart: 07.01.2010.