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Interview

Gesichter der DEFA
Foto: Sandra Bergemann
Die Fotografin Sandra Bergemann hat einen Bildband mit Porträts von DEFA-Schauspielern veröffentlicht und ein äußerst vielseitiges Kapitel deutscher Filmgeschichte in persönlichen Bildern eingefangen. Viele der Leinwandstars, die vor den Kameras der staatlichen Filmstudios der DDR standen, sind bis heute unvergessen. Die DEFA (Deutsche Film-Aktiengesellschaft) wurde am 17. Mai 1946 in der Sowjetischen Besatzungszone gegründet und produzierte pro Jahr zwischen 14 bis 18 Kinofilmen und etwa 30 Filme für das Fernsehen. Kultiversum hat Sandra Bergemann zu ihrem Projekt interviewt.

kultiversum: Der DEFA-Geschichte anhand von Porträts ihrer Leinwand-Protagonisten auf die Spur zu kommen - wie waren die Reaktionen der Schauspieler auf dieses Vorhaben?
Sandra Bergemann: Die meisten waren sehr zugänglich, wirklich erfreut, dass sich jemand mit den DEFA-Schauspielern auseinandersetzt und das so viele Jahre nach der Wende zum Thema macht. Einige reagierten auch skeptisch, weil sie ein Buch nur über DDR-Schauspieler als etwas Trennendes empfanden. Weil es doch heute egal sei, wo man herkomme. Viele haben sich einfach gewundert, warum ein junger Mensch sich überhaupt für die DEFA interessiert, nicht nur einer hat gefragt, wieso ich mich mit den «ollen» DEFA-Schauspielern beschäftigen will. Aber ich habe schlussendlich so gut wie alle vor die Kamera bekommen, die ich haben wollte.

Wie sind Sie bei der Auswahl der Schauspieler vorgegangen?
Die Auswahl habe ich in Zusammenarbeit mit dem Filmmuseum Potsdam und der DEFA-Stiftung erarbeitet. Wir haben darauf geachtet, dass neben denen, die bis heute auf der Leinwand präsent sind, auch Schauspieler porträtiert wurden, die früher sehr bekannt waren, heute allerdings nicht mehr so häufig zu sehen sind. Außerdem sollten auch Künstler einer jüngeren Generation dabei sein, die in der DEFA ihre ersten Schritte gemacht haben.

Wovon haben Sie sich bei der Konzeption der Porträts leiten lassen?
Die DEFA war nie ein Glamourbetrieb. Es gab natürlich viele, zumindest in der DDR sehr bekannte Künstler, aber keinen Starrummel wie er heute normal ist. Deswegen habe ich die Form sehr authentischer Porträts gewählt. Die DEFA-Schauspieler wurden nicht als Stars, sondern eher als Menschen wie du und ich wahrgenommen und so wollte ich sie auch fotografieren. An Orten, die ihnen vertraut sind und mit ihnen persönlich zu tun haben. Wenn ich Carmen-Maja Antoni in ihrer Garderobe fotografiere, sagt das natürlich mehr über sie aus, als ein Bild vor einer weißen Studiowand. Ich habe jeden vorher gefragt, welche Orte ihnen nahe sind, die Kulissen also zusammen mit den Schauspielern besprochen. Mit ihrer Heimatstadt eng verbunden war Angelica Domröse zum Beispiel der Berlin-Aspekt wichtig. Hauptsache, der Funkturm ist drauf, dazu die Dächer von Berlin. Hilmar Thate habe ich vor einem kleinen Kino in der Nähe seiner Wohnung abgelichtet.

Haben Sie spüren können, inwieweit diese Künstler an der DEFA hängen?
Bei ganz vielen habe ich gemerkt, dass die DEFA ihr Zuhause war, ihre künstlerische Heimat. Bei den hauptberuflichen Theaterschauspielern oder jüngeren Kollegen war diese Bindung naturgemäß nicht so eng. Aber die, die quasi in der DEFA aufgewachsen sind, dort gelernt und für ihre Ideen gekämpft haben, die identifizieren sich häufig sehr stark mit der DEFA. Damals kannten sich einfach alle auf dem Studiogelände, die Beleuchter waren immer dieselben, die Kameramänner, die Kostümbildnerinnen, eben das berühmte Kollektiv - man konnte sich auf gewisse Weise geborgen fühlen. Heutzutage kommt ja bei jedem Dreh ein völlig anderes Team zusammen, die Arbeitsweise ist eine ganz andere.

In den Interviews, die den Bildband abrunden, ist aber auch häufig von Enttäuschungen die Rede - trotz erfolgreicher Karrieren.
Das stimmt und ist ebenso verständlich. Jutta Wachowiak zum Beispiel hat zusammen mit weiteren Künstlern immer wieder versucht, abgesetzte Stücke auf legalem Weg zurück auf den Spielplan zu bringen. Dass ein wichtiger Film wie „Spur der Steine“ kurz nach dem Kinostart verboten wurde, macht deutlich, in welcher Atmosphäre die Schauspieler arbeiteten. Der Regisseur Frank Beyer hatte den Film zwar mit der Absicht gemacht, Dinge zur Sprache zu bringen, allerdings um sie zu verbessern, nicht um eine Revolution anzustacheln. Eberhard Esche wiederum erzählte mir, dass er die Art der DDR-Zensur auch als eine Herausforderung empfand, den Menschen zwischen den Zeilen trotzdem andere Sichtweisen zu vermitteln.

Einige sind dann in den Westen gegangen.
Ja, auch sechs der insgesamt vierzig Schauspieler in meinem Buch. Wie Eva-Maria Hagen, Angelica Domröse oder Hilmar Thate, die eine Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann unterschrieben hatten. Weil sie ihre Unterschriften nicht zurück nahmen, bekamen sie kaum noch Engagements und sahen sich zum Gehen gezwungen. Ähnlich ging es Renate Krößner, nach ihrem Silbernen Bären für den Film „Solo Sunny“. Eine renommierte Westauszeichnung - das kam nicht gut an bei den Kulturfunktionären. Und da in der DDR die meisten Schauspieler fest angestellt waren, entweder in einem Theaterensemble, beim Fernsehen oder bei der DEFA, kamen ausbleibende Aufträge einem Karriereende gleich.

Geschichte und Geschichten – man lernt eine Menge dazu bei solch einer Arbeit?
Ja, absolut! Ich erinnere mich noch genau, wie Eva-Maria Hagen erzählte, dass sie nach dem Krieg auf dem Berliner Gendarmenmarkt lebte, tagsüber zu Brecht ins Theater arbeiten ging und nachts versuchte, einen sicheren Schlafplatz in den Ruinen zu finden. Brecht gab ihr sogar sein Arbeitsbrot, weil sie so verhungert aussah. Es war beeindruckend, rund 60 Jahre später mit ihr am selben Platz zu stehen und von diesen Erlebnissen zu erfahren. Durch die Vorab-Recherchen habe ich viel über die ostdeutsche Filmgeschichte erfahren. Es gibt neben einer Menge schlechter Streifen sehr viele ausgezeichnete DEFA-Filme, die zum Besten gehören, was zu der jeweiligen Zeit in Deutschland gemacht worden ist. Ich habe mir unheimlich viele Filme angesehen.

Das DEFA-Archiv ist riesig, wie sind Sie an all diese Filme herangekommen?
Die DEFA-Stiftung hat mich sehr unterstützt. Ursprünglich hatte ich das Projekt ‚nur’ als Abschlussarbeit meines Fotografiestudiums geplant, da wusste ich noch gar nicht, dass es die Stiftung gibt. Im Anschluss an die Ausstellung einiger Bilder im Filmmuseum Potsdam kam dann aber der Kontakt zustande und seitdem hat die Stiftung meine Arbeit inhaltlich begleitet. Das heißt, den Zugang zum Filmarchiv ermöglicht, meine Recherchen unterstützt und Kontakte zu Schauspielern hergestellt. Aufgrund dieser Zusammenarbeit wurden meine Bilder 2005 auch in New York gezeigt, im Rahmen einer DEFA-Retrospektive zusammen mit dem MoMA.

Bis die die Bilder zwischen zwei Buchdeckel gelangten, hat es einige Jahre gedauert…
Sieben Jahre, um genau zu sein. Ein Hauptgrund waren die komplizierten Terminabstimmungen, viele der Schauspieler haben ja nach wie vor oder zumindest wieder sehr viel zu tun. Da hat es mitunter tatsächlich Jahre gedauert, bis ein Termin stand. Nicht selten kamen dann kurzfristige Absagen dazwischen und abgesehen davon musste ich manchmal doch Überzeugungsarbeit leisten. Das hatte durchaus sein Gutes, denn dabei habe ich wirklich viel für meine Arbeit als Fotografin und den Umgang mit Menschen vor der Kamera im Allgemeinen gelernt. Als ich mit der Arbeit an dem Projekt begonnen habe, war ich ja erst 22 Jahre alt. Vor allem weiß ich jetzt, dass es sich lohnt, hartnäckig zu bleiben.

Das Gespräch führte Sebastian Blottner

Sandra Bergemann: Gesichter der DEFA
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Foto: Sandra BergemannFoto: Sandra BergemannFoto: Sandra BergemannFoto: Sandra Bergemann


20.01.2010 Sebastian Blottner
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