Die Lehrerin und der Familienvater in «Mademoiselle Chambon» erleben eine berückend schöne Fast-Nicht-Liebesgeschichte.
Eines Tages ist Mademoiselle Chambon einfach da. Als Vertretungslehrerin muss Véronique Chambon ein Jahr lang eine Kollegin in der Schule ersetzen. Gleichmütig nimmt sie ihre neue Arbeit auf und richtet sich in der Kleinstadt ein. Mit demselben Gleichmut bittet sie Jean, den glücklich verheirateten Vater ihres Schülers Jeremy, ihre Wohnungsfenster zu reparieren. Der Handwerker nimmt den Auftrag gerne an. Und bleibt ein wenig länger als nötig, damit sie ihm auf ihrer Geige vorspielt.
Mademoiselle Chambon
Regie: Stephane Brizé,
Frankreich 2010, 101 min.;
mit: Sandrine Kiberlain, Vincent Lindon, Aure Atika
Kinostart: 12. August 2010
Was sich zwischen beiden entspinnt, verfolgt der Film mit äußerster Diskretion. Denn er ist durch und durch französisch. Im Mutterland von Etikette und gutem Ton beherrschen alle Schichten die Kunst, so verbindlich wie förmlich zu sein und mit vielen liebenswürdigen Worten ihre Gefühle zu verbergen. So wechseln Véronique und Jean noch nichtssagend freundliche Floskeln, während ihre Blicke und Gesten längst eine ganz andere Sprache sprechen. Selbst im Bett siezen sie sich.
Das wirkt keinen Augenblick gezwungen oder lächerlich. Ihre Leidenschaft ist so taktvoll und feinfühlig, weil ihnen bewusst ist, wie viel sie voneinander trennt. Sie will vom Alleinsein einer umherziehenden Aushilfskraft erlöst werden, die sich über einsame Abende mit Büchern und klassischer Musik hinwegtröstet. Er ist in der Provinz verwurzelt, kümmert sich um seinen alten Vater, und seine Frau erwartet ein zweites Kind. Jeder müsste für den anderen viel aufgeben – und keiner will den anderen zur Entscheidung nötigen.
Schon in «Man muss mich nicht lieben» von 2005, der bei uns letztes Jahr im Kino zu sehen war, zeigte Regisseur Stéphane Brizé eine Beziehung zwischen ungleichen Partnern: Ein griesgrämiger Gerichtsvollzieher ging eine Affäre mit seiner lebenslustigen Tango-Lehrerin ein. In dieser Verfilmung eines Romans von Eric Nolden ist der Abstand zwischen den Protagonisten noch größer; er scheint unüberbrückbar.
Doch diese Fast-Nicht-Liebesgeschichte fasziniert dank ihrer Hauptdarsteller. Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon führen virtuos ihr Repertoire an zarten Signalen, an delikaten Momenten des Begehrens und scheuen Rückziehern ins Unverbindliche vor. Ob ihnen dabei zugute kommt, dass sie früher auch im wirklichen Leben ein Paar waren?
Jedenfalls webt ihr subtiles Spiel allmählich ein Gespinst der Ausweglosigkeit; es umhüllt die sonnendurchfluteten Szenen mit einem Gazeschleier der Melancholie. Wenn sich am Ende auf Kiberlains Antlitz fassungslose Enttäuschung ausbreitet, möchte man ihre fragile und ätherische Gestalt tröstend in die Arme schließen: Alles könnte anders sein, doch nichts lässt sich ändern. Herzzerreißend schön.