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Film

Hin zum Kern menschlicher Existenz
Foto: Christine Plenus / Jauch und Scheikowski
Am 10. März hatte der belgische Regisseur Luc Dardenne Geburtstag. Gemeinsam mit seinem Bruder prägt er den europäischen Film.

Die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne zählen zu den wichtigsten Regisseuren unserer Zeit. Mehr noch: Seitdem zwei ihrer Filme («Rosetta» und «L’enfant») in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurden, sie somit in den erlesenen Kreis der wenigen Doppel-Preisträger von Cannes wie etwa Francis Ford Coppola oder Bille August eintraten, gelten die beiden Filmemacher als Halbgötter des europäischen Erzählkinos.

Und tatsächlich haben die Brüder Dardenne mit ihren Spielfilmen «La promesse» (1996), «Rosetta» (1999), «Le fils» (2002), «L’enfant» 2005) und «Le silence de Lorna» (2008) eine ganz eigene realistische Ästhetik eingeführt, welche präzise Gefühlsbilder all jener Menschen gestaltet, die am Rande der Produktions- und Konsumgesellschaft leben, ohne diese vollends auf eine Opferrolle zu reduzieren. Die Dardennschen Antihelden sind zuvorderst Menschen, «die ihr Leben sehr intensiv leben, die etwas unternehmen wollen, aktiv sein wollen, frei sein, auch wenn sie schlimme Dummheiten begehen» (Jean-Pierre Dardenne). Die beiden Regisseure verstehen ihre Filme nicht als Sozialdramen denn als «moralische Fabel aus der Unterschicht»: «Wir mögen diese Menschen [...], nehmen die Protagonisten ernst.»

In den 1970er und 1980er Jahren drehten die Brüder Dardenne als «Video-Pioniere» noch politisch engagierte Dokumentarfilme. Eben hier findet sich der Ursprung ihrer realistischen Handschrift. Gnadenlos verfolgen die Dardennes ihren Stil des neuen cinema verité. Ein Kino, das weder anklagt noch aufklärt, sondern zeigt – und zwar auf erschreckend gradlinige wie scharfkantige Weise.

Ihre preisgekrönten Filme liefern die perfekte Symbiose radikaler Nüchternheit und tiefster Empfindsamkeit. Von emotionalisierende Einstellungen, voyeuristischer Effekthascherei, moralischen und gesellschaftskritischen Sentenzen keine Spur. Es sind Einblicke in das Leben sozial benachteiligter Menschen, die uns das Regisseurs-Duo liefert.Folglich offenbart sich die filmische Realität nur selten in der Totalen, sondern im Detail.

«Wenn man nach dem Stil sucht, begegnet man dem Tod. Und wenn du nach dem Leben suchst, findest du den Stil», zitieren die Brüder Dardenne den italienischen Schauspieler, Theaterautor und Filmregisseur Eduardo De Filippo. Dieses Motto stellen die Dardennes auch ihrer Arbeit voran. Mögen ihre Antihelden noch so nah am sozialen Abgrund stehen und der Welt den Rücken zugekehrt haben, so bleiben sie in ihrer Abgeschiedenheit doch agil und lebendig – eine Eigenschaft, die sich in der Dardennschen Bildsprache zweifelsohne widerspiegelt.


10.03.2010 Alexandra Riedel

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