Der unscheinbar daherkommende Film «La Pivellina» improvisiert mit einer Patchwork-Familie am Stadtrand von Rom großes Gefühlskino - völlig pathosfrei und absolut authentisch.
Ein Zirkuskind hat es manchmal gut. Wenn es seinen Vater besucht, der mit einer Truppe umherzieht, darf es mit den Tigerbabys im Käfig spielen. Dafür muss der 14-jährige Tairo auf vieles verzichten. Etwa auf seine leiblichen Eltern: Vom Kurzauftritt des Vaters abgesehen, sieht und hört man nichts von ihnen.
La Pivellina
Regie: Tizza Covi, Rainer Frimmel
Österreich / Italien 2009,
100 Minuten;
mit: Patrizia Gerardi, Walter Saabel, Tairo Caroli, Asia Crippa
Tairo lebt neben dem älteren Artisten-Paar Patrizia und Walter in einer Wohnwagen-Siedlung am Stadtrand von Rom. Mit einer Schar von Personen, die Oma, Tante und Onkel genannt werden, wiewohl ihr familienrechtlicher Status unklar bleibt. Allen droht die Stadtverwaltung, den Strom abzudrehen – mitten im nasskalten Winter, wenn die Zirkusleute auf die nächste Saison warten.
Prekäre Verhältnisse also, aber keineswegs desolate. Formalien zählen hier nicht, praktische Vernunft sehr viel. Als Patrizia auf einem Spielplatz ein verlassenes Kleinkind entdeckt, nimmt sie die Zweijährige kurzerhand bei sich auf. Walter ist anfangs wenig begeistert, fürchtet Scherereien mit den Behörden und zusätzliche Ausgaben für den Findling. Doch binnen weniger Tage kümmert sich das Trio so liebevoll um die kleine Asia, spielt mit ihr und bereitet ihr kleine Freuden, als habe sie schon immer zu dieser Patchwork-Familie gehört.
Patrizia und Walter betreiben tatsächlich einen Wanderzirkus. Die Regisseure Tizza Covi und Rainer Frimmel lernten beide vor fünf Jahren kennen, als sie über fahrendes Volk den Dokumentarfilm «Babooska» drehten. Ihre langjährige Vertrautheit erlaubte ihnen, für «La Pivellina» (etwa «Das Grünschnäbelchen») nur ein kurzes Skript zu schreiben; alles Übrige wurde improvisiert. Das gelingt diesen Manege-Profis, die Rampenlicht gewohnt sind, blendend.
Besonders der heimlichen Hauptdarstellerin: Asia ist wirklich ein Augenstern. Aufgeweckt, putzmunter und allerliebst gibt sie in jeder Szene die Stimmung vor, und die Handkamera muss nur noch die Reaktionen ihrer Ersatzfamilie einfangen. So gelingen Momente großer Intimität; etwa wenn Patrizia der Kleinen ein Schlaflied singt oder Tairo mit ihr herumtollt. Aus Freude an seinem neuen Geschwisterchen lässt er sogar seine Teenie-Liebe sitzen.
Dabei kommt der Film denkbar unscheinbar daher. Patrizias feuerroter Haarschopf scheint der einzige Farbtupfer im verregneten Niemandsland aus Ausfallstraßen, Wohnsilos und Schutthalden zu sein, in dem die Wagenburg steht. An ähnlichen tristen Orten finden die belgischen Gebrüder Dardenne ihre Schauplätze.
Doch während Dardenne-Filme mit klinischer Kühle soziale Missstände sezieren, spüren Covi und Frimmel dort edle menschliche Regungen wie Solidarität, Großzügigkeit und Herzenswärme auf. Völlig pathosfrei und mit absolut authentischer Anmutung schaffen sie intensives Gefühlskino, das berührt, weil es so alltäglich erscheint. Auch wenn das Glück, das sie beschwören, bis zum Ende prekär bleibt.