Heinrich Mann hat das Leben des französischen Renaissance-Königs Henri IV. in einem zweibändigen Riesen-Roman beschrieben. Regisseur Jo Baier macht daraus in "Henri 4" einen pädagogisch wertvollen Historienschinken.
Westdeutsche Schulen boten in den 1980er Jahren anschaulichen Geschichtsunterricht nach immergleichem Muster. Viertelstündige Lehrfilme führten anfangs eine epochale Erfindung vor, etwa die Druckerpresse oder Dampfmaschine. Dazu erzählte eine sonore Stimme aus dem Off, wie es zu dieser Neuerung kam. Dann folgten fünf Minuten Doku-Fiction, in denen zeittypisch kostümierte Darsteller demonstrierten, wie die Erfindung funktioniert. Dabei sonderten sie pädagogisch korrekte Sentenzen über die weitere historische Entwicklung ab. Schließlich fasste ein Moderator das Gesehene kurz zusammen. Mit dem Ende der alten Bundesrepublik verschwand leider auch diese leicht fassliche Form der Welterklärung.
Nun hat Regisseur Jo Baier dieses fast vergessene Genre wieder belebt. Und weil man heutigen Schülern in Zeiten von Ganztagsbetreuung und Bologna-Reform etwas mehr zumuten darf, dauert seine Geschichtslektion zweieinhalb Stunden. Selbst die reichen kaum für sein ehrgeiziges Vorhaben, das Zeitalter des französischen Königs Henri IV. (1553 – 1610) in der Version des zweibändigen Riesen-Romans von Heinrich Mann lückenlos abzubilden. Wie ein Klassenbester, der in ein Referat all sein Wissen packen will, zeichnet Baier jede Wendung des jahrzehntelangen Bürgerkriegs zwischen den Katholiken unter Katharina von Medici und ihren protestantischen Feinden akribisch nach.
Damit die Zuschauer in all dem Intrigengespinst und Schlachtengetümmel nicht völlig den Überblick verlieren, braucht auch dieser Schulfilm einen Moderator. Auftritt Julien Boisselier als Henri IV.: Der Führer der Hugenotten lächelt sich leutselig durch sein Leben, als ginge ihn das ganze Gemetzel nichts an. Am Totenbett seiner vergifteten Geliebten Gabrielle d´Estrées (Chloé Stefani) formuliert er sein Credo: „Die Wurzel meines Herzens ist tot. Sie wird nie wieder treiben. Lassen wir nun die Vernunft regieren.“
Danach mimt er den stets gütigen Landesvater mit allen Kalendersprüchen, die man ihm zuschreibt: Vom Huhn, das jede französische Familie sonntags im Topf haben solle, bis zu Paris, das eine Messe wert sei. Dass Henri im adligen Ränkespiel skrupellos mithielt und aus reinem Opportunismus fünf Mal seine Konfession wechselte, merkt man diesem Renaissance-Gandhi nicht an.
Auch die zeittypisch kostümierten Nebendarsteller besetzen brav die ihnen zugedachten Planstellen in dieser Fabel vom guten König. In der katholischen Herrschersippe sind alle machtgeil, rachsüchtig und hysterisch. Die glaubensfesten Protestanten bauen dagegen dauernd Straßen und Schulen zum Wohle Frankreichs. Und damit es jeder kapiert, reden sie ständig über ihr vernünftiges Handeln und seine ersprießlichen Folgen. Mit 19 Millionen Euro Budget ist Jo Baier ein pädagogisch wertvoller Historienschinken gelungen, der sofort im Geschichtsunterricht eingesetzt werden kann. Nur waren die alten Lehrfilme deutlich billiger.