Philip Glass hat eine Filmmusik für «Dracula» von 1931 geschrieben. Das Kronos Quartet spielt sie in vier Städten Europas.
Ein Untoter und ein Komponist, der hoch in den Siebzigern ist: Das klingt nach einer morbiden Kombination. Doch wenn die Beteiligten Klassiker sind wie Bela Lugosi als Dracula und Philip Glass, der Grandseigneur der minimal music, dann gerät auch das Ergebnis zeitlos. Glass hat für die DVD-Edition der legendären Verfilmung von 1931 eine Filmmusik geschrieben. Nun stellt er sie persönlich mit dem Kronos Quartet live in Europa vor – auf einer Kurztournee mit nur vier Stationen in Dresden, Berlin, London und Lyon.
Der Auftritt am Stadtrand von Berlin hat den perfekten Rahmen: Die Zitadelle Spandau ist eine komplett erhaltene Festung aus dem 16. Jahrhundert. In ihren historischen Gemäuern nisten 10.000 Fledermäuse. Diese Flattertiere spielen im Film eine tragende Rolle: Ihr heftiges Flügelschlagen kündigt an, dass ihr Gebieter sich nähert, der Herr über alle Vampire.
Bela Lugosi als Graf Dracula hat auch nach 80 Jahren kaum an Faszination eingebüßt. Mit stechendem Blick, reduzierter Mimik und formvollendeten Manieren verleiht er der Hauptfigur eine tragische Würde, die spätere Filmversionen durchweg vermissen lassen.
Regisseur Tod Browning hatte aus Kostengründen nicht Bram Stokers Roman, sondern die Bühnenfassung von Hamilton Dean verfilmt. Das merkt man der Handlung an. Nach einem furiosen Auftakt in den Karpaten mit grandiosen Szenen im spinnwebverklebten Schauermärchen-Schloss des Grafen geht es im zweiten Teil, der in London spielt, recht betulich zu.
Hier dreht sich alles um die schöne Mina. Auf die Tochter des Irrenarztes Dr. Seward hat es Dracula abgesehen. Bevor er sie endgültig in seinen Schlafsarg entführen kann, greift der berühmte Professor Van Helsing ein, erledigt den Obervampir mit dem bekannten Pfahl durchs Herz und gibt Mina geheilt ihrem Verlobten zurück. All das wird in ausgiebigen Beratungen in Sewards Villa abgehandelt.
Eher ein Dialog- als ein Action-Film. Zumal weder Blut fließt noch Dracula seine Fangzähne fletscht; dieses Klischee entstand erst später. Der Horror entsteht subtil durch Beleuchtung, Andeutungen und Wegblenden – und wirkt noch heute. Denn die Bildqualität der restaurierten Kopie ist vorzüglich, während es auf der Tonspur arg rauscht.
Gespräche versteht man kaum, weil das Kronos Quartet fast pausenlos das Geschehen musikalisch untermalt. Gottlob weiß jeder, dass ein Vampir weder Kreuze noch Knoblauch erträgt; so können die Zuschauer seinem Treiben auch ohne Worte folgen. Und den Klängen lauschen.
Glass´ Begleitmusik hat längst nicht mehr die markante Eckigkeit seiner frühen Werke, aber auch nicht den süffigen Schmelz seiner Soundtracks zu Kassenschlagern wie etwa «Rezept zum Verlieben». Sie balanciert die Extreme in seinem Werk überzeugend aus. Dem Komponisten gelingt, die Atmosphäre der Film-Szenen harmonisch zu ergänzen. Auch passt die hypnotisch repetitive Struktur seiner Musik gut zur melancholisch verhangenen Grundstimmung des Films. Nur hätte die Partitur mehr Dynamikwechsel vertragen; über seine verhaltenen Passagen braust sie einförmig hinweg.
Den Kraftakt, knapp eineinhalb Stunden ohne Unterlass zu spielen, bewältigt das Kronos Quartet unter Leitung von Michael Riesman mit Präzision und Bravour. Dafür werden Interpreten und Komponist vom Publikum begeistert gefeiert, sobald auf der Leinwand in Schnörkelschrift «The End» aufleuchtet: So frenetisch ist der Tod eines Vampirs wohl selten bejubelt worden.