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Berlinale 9

Unterschiedlich subversiv
14.02.: Christoph Schlingensief als Stummfilmkommentator und «Exit through the gift shop» von Banksy im Wettbewerb.

Bevor Christoph Schlingensief im HAU damit anfängt, programmgemäß den italienischen Stummfilm «L`inferno» (1911, Regie: Giuseppe de Liguoro) zu kommentieren, erzählt er eine ganze Reihe anderer Sachen, zeigt Fotos aus Burkina Faso, wo er kürzlich den Grundstein zu seinem Operndorf gelegt hat und nimmt die viel debattierte Helene Hegemann in Schutz - «was wollen eigentlich diese alten Säcke und diese jungen Säcke - obwohl, wer sagt, er sei in seinem Körper nur ein Gast, der hat schon nen Schuss, aber mit 17 muss man das auch alles mal sagen, man muss das rauskotzen.»

Rauskotzen könnte man auch das nennen, was er im folgenden zu «L`inferno» veranstaltet, einem schwarz-weißen Stummfilm, der den ersten Teil von Dantes göttlicher Komödie voller Exaltiertheit und Pappkulissenhaftigkeit nachvollzieht. Schlingensief fragt sich, ob wir «diesen holzschnittartigen Quatsch» verdaut haben, oder ob wir «eigentlich immer noch genau das gleiche machen». In einer oft verwirrend vielspurigen tour de force versetzt er den Originalfilm mit Bild- und Tonsequenzen aus anderen Filmen, spielt Musik ein und fängt immer wieder auch selber an, zu reden - schlingensiefesk pausenlos und schnell, Denken und Rauskotzen sind gleichgeschaltet. Dass er ausgerechnet diesen Film für seine Berlinale-Performance ausgewählt hat, scheint nicht nur in der Frage nach den formalen Ursprüngen des Filmemachens begründet zu sein, sondern auch etwas mit der naiven Affirmation eines wenn auch schrecklichen Nachlebens, die der Film bietet, zu tun zu haben. Schlingensief lässt das Publikum auch an diesem Abend weiter an seiner Beschäftigung mit seinem Tod teilhaben.


Fans des Subversiven konnten danach in der Spätvorstellung im Berlinale-Palast auf ihre Kosten kommen. «Exit through the gift shop» heißt der erste Film des weltbekannten britischen street-artist Banksy, der sich ähnlich wirkungsvoll wie Schlingensief, doch auf diametral entgegengesetzte Art und Weise selbst inszeniert: als Phantom. Als Batman in schwarzer Kapuzenjacke mit digital verzerrter Stimme taucht er in seinem Film auf, von dem keiner so genau weiß, ob es ein Dokumentarfilm oder ein mockumentary ist. «Exit through the gift shop» erzählt von einem simplen französischen Ladenbesitzer und Hobbyfilmer, der eher zufällig in die street-art Szene hineingerät und beginnt, die flüchtigen Kunstwerke verschiedener Protagonisten dieser Szene zu dokumentieren.

Irgendwann gerät er auch an Banksy, den Übervater dieser Szene. Als der den amateurhaft gemachten Film sieht, den dieser Thierry Guetta aus seinen street-art Aufnahmen zusammengeschnippelt hat, versucht er, den Kameraenthusiasten von seinem Dokumentationsvorhaben abzubringen, indem er ihm vorschlägt, er solle doch selber mal versuchen, ein bisschen Kunst zu machen. Dass der neugeborene street-artist Guetta schnell einem absurden Größenwahn anheimfallen würde -  er gibt sich den Künstlernamen «Mr. Brainwash» und reüssiert mit Werken, die stark an Banksys künstlerische Handschrift erinnern - das habe er ja auch nicht ahnen können, gibt Banksy im Film zu Protokoll.

Hier finden Sie einen Überblick der Berlinale-Berichterstattung auf kultiversum.

Ob es Thierry Guetta alias Mr. Brainwash wirklich gibt oder ob er eine Kunstfigur ist, wieviel an dieser Geschichte wahr ist und wieviel ausgedacht («Der Film ist ganz und gar wahr, abgesehen von den Teilen, die nicht wahr sind», so ein Statement von Banksy) - «Exit through the gift shop», der im Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz lief, ist in jedem Fall ein oft brüllend komischer, kluger Kommentar zu dem Hype, der seit Banksy um die Straßenkunst gemacht wird, dazu, dass Werke, die für die Straße und für einen bestimmten Kontext geschaffen worden sind, mittlerweile für viel Geld in großen Auktionshäusern versteigert werden und so das ursprüngliche Anliegen der street-artists zunehmend aus dem Fokus gerät.

Ob Banksy übrigens zur Berlinale in Berlin war oder ist, ist natürlich nicht bekannt - falls ja, könnte es gut sein, dass er um den Potsdamer Platz herum seine Spuren hinterlässt, wie er es auch nach der Weltpremiere des Films auf dem Sundance-Festival in Park City, Utah getan hat.
 


11.02.2010 Sophie Diesselhorst
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