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Berlinale 20

Ohne Menschen
19.02.: Die Dokumentarfilme «Porträts deutscher Alkoholiker» von Carolin Schmitz in der Perspektive deutsches Kino und «Der Tag des Spatzen» von Philip Scheffner im Forum.

Sechs Alkoholiker von nebenan zeigt Carolin Schmitzs Dokumentarfilm «Porträts deutscher Alkoholiker». Zwei Hausfrauen, eine Krankenschwester, ein Anwalt, ein Ladeninhaber und ein Manager erzählen davon, wie sie angefangen haben zu trinken und irgendwann nicht mehr aufhören konnten. Schmitzs Protagonisten bleiben nicht nur anonym, sondern werden erst gar nicht gezeigt. Ihre lakonischen, allesamt hochreflektierten Erzählungen ergänzt die Regisseurin mit langsamen Bildern, die sich manchmal metaphorisch auf die Wortebene zu beziehen scheinen, an anderen Stellen die natürlichen Lebensumgebungen der Protagonisten nachvollziehen.

Einen Film ohne Menschen zu machen, ist gewagt. Doch in diesem Fall gelingt es: die leeren Bilder – Wohnungen, Büros von innen, Landschaften, Züge, Autobahnen - verstärken die Präsenz der Off-Stimmen, die sich in ihren Geschichten immer wieder abwechseln, und werden zum eindrucksvollen Symbol für die Leere, die im Leben aller sechs Protagonisten herrscht. Aus ihren Selbstdarstellungen, mit einer Ausnahme alle in der Vergangenheitsform erzählt, wird deutlich, wie sehr die gesellschaftliche Tabuisierung ihres Problems ihre Hilflosigkeit verstärkt.
 
Auch Philip Scheffners «Der Tag des Spatzen», zu sehen im Forum, ist ein deutscher Dokumentarfilm, und auch hier dürfen Menschen (fast) nur aus dem Off reden. Doch bei Scheffner geht es nicht um Menschen, sondern um Vögel und um Politik. Klingt ein wenig seltsam, ist es auch. Dabei fängt «Der Tag des Spatzen» viel versprechend an: Scheffner geht der Geschichte des «Domino-Spatzen» auf den Grund, der 2005 im niederländischen Leuwaarden in der Lagerhalle eines Fernsehstudios per Flügelschlag eine Kette von zehntausenden von Dominosteinen zum Umsturz brachte und daraufhin von Sicherheitsleuten erschossen wurde.
 
Er findet heraus, dass der Sicherheitsmann, der den Spatzen erschossen hat, massive Morddrohungen erhalten hat, und dass der Spatzenkadaver ins niederländische Justizministerium, Abteilung Umweltterrorismus, weitergeleitet wurde. Leider interessiert er sich dann ganz plötzlich nicht mehr für die Geschichte, sondern beginnt einen neuen Film, der von der Informationspolitik der Bundeswehr handelt und von der Frage, ob wir im Krieg sind, weil deutsche Soldaten in Afghanistan Menschen erschießen.
 
Die Bundeswehr zeigt sich unkooperativ, und Scheffner beschränkt sich deshalb auf die Dokumentation seiner vergeblichen Versuche, ein Interview zu bekommen, die er mit Naturaufnahmen, alle gedreht in der Nähe irgendwelcher Bundeswehrkasernen, illustriert. In diesen Naturaufnahmen kommen sehr viele Vögel vor. Da ist er wieder, der Spatz. Natürlich ließen sich alle möglichen Zusammenhänge zwischen der kuriosen Geschichte des unglücklichen Spatzen von Leuwaarden und der Art, wie in Deutschland mit dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr umgegangen wird, konstruieren. Doch mit seiner langatmigen Zuschauerfeindlichkeit macht einem Philip Schefflers Film einfach wirklich keine Lust darauf.
 
«Vögel beobachten hat ganz viel mit Dokumentarfilme machen zu tun», sagt der Regisseur in der Fragerunde nach der Filmvorführung. Vielleicht sollte er diese beiden Vorlieben nächstes Mal trotzdem wieder voneinander trennen.

18.02.2010 Sophie Diesselhorst
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