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Kein Krieg, nirgends
Foto: eue Visionen Filmverleih
Im Berlinale-Erfolg «Zwischen uns das Paradies» zeigt Regisseurin Jasmila Žbanić die kaum sichtbaren Spuren des Krieges in Bosnien.

Auf den ersten Blick ist Sarajevo heute eine ganz normale osteuropäische Großstadt. Schick gekleidete Menschen fahren mit neuen Mittelklassewagen zur Arbeit, gehen abends in gut gestylte Cafés und tanzen nachts in Designer-Discos zu Drum'n'Bass. Auch Luna und Amar leben offenbar sorglos in den Tag hinein: Sie als Stewardess, er als Fluglotse. Selbst als eine Ärztin dem Paar mitteilt, dass sich sein Kinderwunsch nur mit künstlicher Befruchtung erfüllen wird, und Amar wenig später wegen Trunkenheit im Dienst seine Stelle verliert, trübt das ihr Liebesglück nur kurz.

Dann treffen die beiden auf Bahrija, Amars früheren Armeekameraden, der zum strenggläubigen Moslem wurde. Er weigert sich, Luna die Hand zu geben, weil sie eine Frau ist; das gleiche Erlebnis hat Regisseurin Jasmila Žbanić zu «Zwischen uns das Paradies» («Na Putu») inspiriert. Bahrija verschafft Amar einen Job – im Ferienlager der wahhabitischen Gemeinde, das isoliert an einem Bergsee liegt. Als Luna ihn erstmals dort besucht, entsetzen sie die rigide Trennung der Geschlechter, die schwarz verschleierten Frauen und endlos langen Koran-Rezitationen. Nach Wochen kehrt Amar völlig verändert zu ihr zurück. Er verschmäht Alkohol, verdammt Sex vor der Ehe und deutet die Opfer des Bosnien-Kriegs als Strafe Allahs für gottlosen Lebenswandel.

«Zwischen uns das Paradies» ist aber kein Film über islamischen Fundamentalismus. Er ist ebenso wenig die Chronik einer Beziehungskrise, obwohl er minutiös mitverfolgt, wie die beiden Hauptfiguren einander fremd werden. Doch das eigentliche Thema des Films sind die Narben, die der Krieg bei ihnen hinterließ, und ihre unterschiedlichen Wege, damit fertig zu werden. Die lebenshungrige Luna hängt sehr an ihrer Großmutter und ihren Freunden, weil ihre Eltern im Krieg umkamen. Amar musste nicht nur seinen Traum aufgeben, Pilot zu werden; damals starben auch seine Eltern und sein Bruder. Seitdem spüre er eine innere Leere, sagt er: Die Hinwendung zur Religion tue ihm gut.

Foto: eue Visionen FilmverleihFoto: eue Visionen FilmverleihFoto: eue Visionen FilmverleihFoto: eue Visionen Filmverleih
Die schmerzhaften Erinnerungen enthüllt die Regisseurin nur ganz allmählich. Sie umgeht alles Plakative und webt sie unauffällig in Szenen eines bosnischen Alltags ein, der stets den Anschein von Normalität wahrt. Ähnlich hatte Žbanić bereits ihren ersten Spielfilm «Grbavica – Esmas Geheimnis» angelegt, mit dem sie 2006 auf Anhieb den Goldenen Bären gewann: Dass Esmas Tochter Sara im Gefangenenlager von einem Vergewaltiger gezeugt wurde, eröffnet ihr die Mutter erst im letzten Augenblick, weil sie diese Wahrheit kaum erträgt.

«Zwischen uns das Paradies» («Na Putu»)

Regie: Jasmila Zbanic; 100 min., Deutschland, Bosnien-Herzegovina, Österreich, Kroatien 2010

Vier Jahre später geht «Zwischen uns das Paradies» einen entscheidenden Schritt weiter. Nun steht im Mittelpunkt nicht mehr der Mut, sich die Gräuel einzugestehen, sondern die Kraft, danach wieder Freude am Dasein zu finden. Das fängt die Kamera in kunstvoll schmucklosen Bildern ein, die sich auf eine herausragende Zrinka Cvitešic in der Rolle der Luna konzentrieren: Ihr unbeugsamer Wille zu einem selbstbestimmten Leben verabschiedet den Krieg, ohne seine Folgen zu verleugnen.


01.09.2010 Oliver Heilwagen
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