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Film

Eiskalt
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«Zeit des Zorns», ein Psychodrama mit tödlichem Ausgang, spielt nicht nur im Iran - es ist auch ein Porträt des Landes.

Im Iran von Rafi Pitts ist es eiskalt. In «Zemestan» («It´s Winter»), seinem Beitrag zum Berlinale-Wettbewerb 2006, stapften die Figuren unablässig durch meterhohe Schneewehen. In «Shekarchi» ist es nur wenige Grad wärmer. In den bewaldeten Hängen des Elburs-Gebirges nördlich von Teheran, wo die zweite Filmhälfte spielt, lassen dichter Bodennebel und eisiger Regen die Schauspieler frösteln. Kahle Bäume, totes Laub und bemooste Steine erinnern geradezu unheimlich an deutsche Mittelgebirgs-Hügel im Spätherbst: So fremdartig und zugleich vertraut hat man hier zu Lande das altehrwürdige Persien noch nie gesehen.

Das gilt auch für die Darsteller. Bei Rafi Pitts haben Frauengestalten ihr Leben pragmatisch im Griff. Die Männer dagegen könnten das Klischee vom orientalischen Macho kaum stärker unterlaufen: Wortkarg und waidwund stolpern sie planlos durch die Handlung. Auch «Der Jäger», so die wörtliche Übersetzung von «Shekarchi» (der deutsche Verleih titelt effekthascherisch «Zeit des Zorns»), wirkt gebrochen. Nach der Haftentlassung quält sich Ali Alavi, gespielt vom Regisseur selbst, stoisch durch den Arbeitsalltag in einer Autofabrik. Seine einzige Freude sind Ausflüge mit Frau Sara und Tochter Saba.

Eines Abends kommen beide nicht nach Hause: Sie «starben versehentlich bei einem Feuergefecht zwischen Aufständischen und Ordnungskräften», teilt ihm ein Bürokrat in dürren Worten mit. Das reißt Ali aus seiner Lethargie. Mit einem Jagdgewehr erschießt er willkürlich zwei Polizisten, die an ihm vorbeifahren. Nun wird der Schütze zum Gejagten: Bei seiner Flucht ins Elburs-Gebirge fällt er einer Streife in die Hände. Die beiden Polizisten und ihr Gefangener verlieren aber im Dickicht der Wälder rasch die Orientierung und suchen Schutz in einer Berghütte. Dort entspinnt sich ein Psychodrama mit tödlichem Ausgang.

Bezüge zur aktuellen Lage im Iran scheinen überdeutlich. Doch Pitts beteuert, sein Drehbuch schon vor dem Konflikt zwischen Regime und Opposition verfasst zu haben. Anspielungen darauf sind recht versteckt: Etwa in Halbsätzen aus dem Autoradio. Oder im grünen Wandanstrich von Alis Wohnung und dem Lack seines Wagens: Grün ist die Farbe der Oppositionsbewegung. Oder in den indiskreten Fragen des Bürokraten, der Ali vom Tod seiner Frau benachrichtigt, nach ihrem Eheleben. Solche Szenen sagen mehr aus über das Verhältnis zwischen Machthabern und Untertanen im Iran als alle Twitter-Meldungen des letzten Jahres.
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Pitts nimmt den Amoklauf seines Helden zum Anlass für ein sprödes, aber schonungslos präzises Porträt eines Landes in Kältestarre. Schon in den wenigen Wortwechseln der beiden Polizisten, die Ali durch den Wald treiben, scheint der tiefe Riss durch, der die iranische Gesellschaft spaltet. Im Berlinale-Wettbewerb galt der Film als Bären-Kandidat, doch dafür kam er zu karg und unterkühlt daher. Im aufgeheizten innenpolitischen Klima des Irans erwies sich das aber als Vorteil: Die Zensur ließ Pitts Drehbuch anstandslos passieren.


17.02.2010 Oliver Heilwagen
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