Zum 100. Geburtstag von Akira Kurosawa: Japans berühmtester Regisseur machte das japanische Kino mit Themen und Stoffen von Shakespeare, Dostojewski und Maxim Gorki exportfähig.
Am liebsten wäre Akira Kurosawa Maler geworden. Sein außerordentliches Gespür für Farbkompositionen sollte viele seiner Filme prägen. Wer einmal gesehen hat, wie in den Kampfszenen des Historien-Dramas «Ran» («Chaos», 1985) die roten und gelben Standarten der verfeindeten Reiterheere auf schwarzblauem Schlachtfeld aufeinanderprallen, verwirbeln und wie Funken auseinanderstieben, wird diesen Anblick kaum je vergessen.
Doch Kurosawa konnte von der Malerei nicht leben. Sein älterer Bruder Heigo holte ihn Ende der 1920er Jahre zum Film. Heigo war ein erfolgreicher Benshi, ein Stummfilmerzähler: Während auf der Leinwand ausländische Filme liefen, lieh der Benshi ihren Charakteren seine Stimme. Heigo machte Akira nicht nur mit der heimischen Filmindustrie vertraut, sondern auch mit anderen japanischen Kunstformen wie dem Yose-Varieté oder Kodan, dem traditionellen Vortrag von Samurai-Geschichten. Heigos Selbstmord 1933 verwand sein jüngerer Bruderer nie ganz.
Kurosawas Lebensbeschreibung unter dem Titel "So etwas wie eine Autobiographie" behandelt die Zeit bis 1950 und ist derzeit nur antiquarisch erhältlich: hier bestellen.
Analysen von Kurosawas Arbeit aus filmwissenschaftlicher Sicht bietet der Sammelband: "Akira Kurosawa und seine Zeit" von 2005: hier bestellen.
Zehn Jahre später führte Akira erstmals selbst Regie, nachdem er sich als Drehbuchautor einen Namen gemacht hatte. Die meisten seiner frühen Filme spielen im Milieu der japanischen Mittelklasse und behandeln moralische Fragen. So ringt sich der krebskranke Held von «Ikiru» («Einmal wirklich leben», 1952) dazu durch, sich an seinem Lebensende um den Bau eines Kinderspielplatzes zu kümmern. Ein realistischer, etwas melodramatisch in Szene gesetzter Humanismus durchzieht diese frühe Werkphase.
Mit «Die sieben Samurai» kam 1954 der internationale Durchbruch. Kurosawa verwandelte eine herkömmliche Schwertkämpfer-Story in ein packendes Epos und stellte unter Beweis, dass er auch in Schwarzweiß monumentale Schlachtengemälde inszenieren konnte. Der mit 3000 Statisten und einem Jahr Drehzeit extrem aufwändige Film wurde mit Preisen überhäuft; u.a. gewann er den Silbernen Löwen in Venedig und war für zwei Oscars nominiert. Und er wurde stilprägend: Der Hollywood-Edelwestern «Die glorreichen Sieben» von 1960 war nur das erste von zahlreichen Remakes.
Hätte sich Kurosawa in der Folgezeit auf ähnliche Sujets beschränkt, wäre er kaum weltweit so populär geworden. Sein genialer Kunstgriff war, klassische Stoffe und Themen der europäischen Literatur in die Bilderwelt Japans zu übertragen. Schon 1951 versuchte er sich an einer Verfilmung von Dostojewskis Riesen-Roman «Der Idiot».
Sechs Jahre darauf ließ er in «Das Schloss im Spinnwebwald» Shakespeares Macbeth im japanischen Mittelalter wüten; «Nachtasyl» ist eine Filmfassung von Maxim Gorkis Erfolgsstück. Und noch drei Jahrzehnte später griff er für seine letzte Großproduktion «Ran» auf Motive aus «King Lear» zurück.
In Japan galt er deshalb als 'westlicher' Regisseur. Dabei setzte sich Kurosawa durchaus kritisch mit der zeitgenössischen Wohlstandsgesellschaft des Inselreichs auseinander. Sein erster Farbfilm «Dodeskaden» («Menschen im Abseits», 1970) etwa porträtierte Bewohner eines Slums am Rand von Tokio in fantastischer, surreal angehauchter Atmosphäre. Als der Film floppte, unternahm Kurosawa einen Selbstmordversuch.
Fünf Jahre später gelang ihm mit «Dersu Uzala» («Uzala, der Kirgise») ein weithin bewundertes Comeback. Hier setzte Kurosawa sein Ideal des Menschen, der ethisch verantwortungsvoll im Einklang mit der Natur lebt, in grandiose Bilder um. Dafür bekam er 1976 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Sein humanistisches Menschenbild prägte auch sein Spätwerk, etwa «Träume» (1990) und «Madadayo» (1993), seinen letzten Film. Vor zwölf Jahren starb er.
Was bleibt von Akira Kurosawa? Seine Rolle als milde moralisierender Mahner für eine von Erfolgshunger zerfressene Industrienation ist entbehrlich geworden. Seit seinem Todesjahr dümpelt die japanische Gesellschaft in einer Dauerkrise vor sich hin und wird zunehmend von Selbstzweifeln geplagt. Zudem ist Kurosawas Pioniertat, erstmals westliche und östliche Narrative auf der Leinwand zu verknüpfen, im Zeitalter der Globalisierung quasi Gemeingut geworden.
Vermutlich ist Kurosawas nachhaltigste Wirkung nicht im Westen oder in Japan, sondern in China zu suchen. Dort haben Erfolgsregisseure wie Zhang Yimou oder Chen Kaige in den letzten Jahren etliche üppig ausgestatte Historienfilme gedreht, deren detailreiche Inszenierungen unverkennbar an Kurosawas Vorbildern orientiert sind. Dessen pessimistisches Geschichtsbild bleibt aber außen vor. Die aufstrebende Volksrepublik verlangt nach Lobeshymnen auf die nationale Größe, nicht nach subtilen Interpretationen der Weltliteratur.