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Haile Gerima

Morgentau - Teza
Gesinnungskontrolle auf Äthiopisch: Schergen des Mengistu-Regimes bedrängen Tesfaye und Anberber; Foto: Venusfilm
(Kinostart: 05.05.) Ein Porträt des Austauschstudenten als gealterter Mann: Der Film aus Äthiopien stellt die innere Zerrissenheit afrikanischer Intellektueller eindringlich als Mosaik biographischer Fragmente dar.

Beschreibung:
In den 1970/80er Jahren waren sie ein vertrauter Anblick an deutschen Hochschulen: Junge Männer aus Äthiopien und Eritrea, die meist Naturwissenschaften oder Technik studierten. Dann verschwanden sie aus dem Straßenbild. Was ist aus ihnen geworden?

«Morgentau» schildert die Lebensgeschichte von Anberber. Als Kaiser Haile Selassie 1974 entmachtet wird, kehrt der angehende Mediziner aus Köln nach Addis Abeba zurück. Im Exil haben er und sein Freund Tesfaye sich in K-Gruppen engagiert; nun wollen beide eine Klinik aufbauen. Doch das neue Äthiopien unter Mengistu entpuppt sich bald als Terror-Regime.
 
Anberber muss mit ansehen, wie sein Freund von Regierungs-Schergen erschlagen wird. Einfach so, weil sie ihn schon länger auf dem Kieker hatten. Er flieht, diesmal in die DDR. Dort richtet er sich recht und schlecht ein, bis er in den Wirren der Wiedervereinigung an eine Rassisten-Bande gerät. Seither ist sein rechtes Bein verkrüppelt.
 
Diese Biographie wird in Rückblenden erzählt. Der Film beginnt mit Anberbers Rückkehr in sein Heimatdorf, wo er sich endgültig niederlassen will. Doch die Dorfgemeinschaft ist ihm fremd geworden. Ihn quälen Alpträume, Gedächtnislücken und böse Erinnerungen; ein Reinigungsritual seiner Mutter hilft wenig. Erst in der Liebe zu Azanu, die im Dorf geächtet wird, findet er inneren Frieden.

Offizieller Video-Trailer

Regisseur Haile Gerima ist ein großer alter Mann des afrikanischen Kinos: Seine Filme liefen in Cannes, Locarno, auf der Berlinale und erhielten zahlreiche Preise. Auch «Morgentau» gewann 2008 in Venedig den Jury-Preis und 2009 das FESPACO, Afrikas bedeutendstes Festival. Dennoch ist dies sein erster Film seit zehn Jahren; für solche Themen lässt sich kaum Geld auftreiben.

Im Gegensatz zu anderen Autorenfilmern aus Afrika, die schlichte, ruhige Einstellungen bevorzugen, bedient sich Gerima einer komplexen Bildsprache. Viele Anspielungen und Symbole verstehen Europäer nur teilweise. Zudem wechselt er häufig Perspektiven und Zeitebenen, so dass sich Zusammenhänge nur allmählich erschließen – wie ein Puzzle. «Morgentau» verlangt aufmerksame Zuschauer, die mitdenken. Vorwissen schadet nicht.
 
Foto: VenusfilmFoto: VenusfilmFoto: VenusfilmFoto: Venusfilm
Bewertung:
Manche Kritiker werfen dem Regisseur vor, er überfrachte seine Filme. Doch an westlichen Kino-Standards sollte man «Morgentau» nicht messen. Sein ambitioniertes Vorhaben, Äthiopiens Geschichte von der italienischen Besatzung bis zur Gegenwart mit der Sinnsuche seines Helden zu verknüpfen, setzt Gerima überzeugend um: Nie plakativ, eher fragmentarisch und widersprüchlich wie die Identität von Anberber.
 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Monographie "Neues afrikanisches Kino", die sich u.a. mit Haile Gerima beschäftigt.

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

Als Akademiker aus Afrika muss er einen enormen Spagat bewältigen: Zwischen einer archaischen Kultur, die sich seit Jahrtausenden kaum verändert, und einer (Post-)Moderne, die ihn nur befristet als Zaungast duldet. Die Konfusion im Kopf eines Intellektuellen zwischen Erster und Dritter Welt wurde selten so eindringlich dargestellt. Auch in «Morgentau» gibt es Sonnenuntergänge über traumhaft schönen Landschaften – aber keine Postkarten-Idylle.

04.05.2011 Oliver Heilwagen
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