Ist die Schließung der denkmalgeschützten Spielstätte der Beginn eines Theatersterbens in Nordrhein-Westfalen?
Die Stadt Wuppertal will ihr Schauspielhaus schließen. Wenn der Stadtrat dem Haushaltssicherungskonzept zustimmt, das Oberbürgermeister und Stadtdirektor Ende November vorgestellt haben. Doch das gilt als sicher, denn voraussichtlich in zwei Jahren wird die Kommune überschuldet sein. Das bedeutet, dass der Gesamtwert des städtischen Besitzes geringer ist als die Summe der Verbindlichkeiten. Damit steht Wuppertal nicht allein – zahlreichen Städten Nordrhein-Westfalens droht die Überschuldung. 59 Kommunen arbeiten schon seit Beginn der neunziger Jahre mit Nothaushalten, diese Zahl wird 2010 rasant steigen. Deshalb planen vielerorts die Kämmerer Kürzungen der Kulturausgaben von 30 Prozent oder mehr.
Die Wuppertaler Bühnen stehen vor einer besonders schwierigen Situation. Derzeit spielen alle Sparten im Opernhaus, denn das Schauspielhaus wartet eigentlich auf seine Sanierung. Die sollte in zwei Jahren beginnen, bis dahin bespielt das Sprechtheater das Foyer.
Der vorliegende Artikel wurde der Januar-Ausgabe der Zeitschrift «die deutsche bühne» entnommen. Diese erhalten Sie als Einzelheft oder im Abo auch in unserem Shop. Zum Shop...
Allerdings ist das Haus mit seiner riesigen Bühne und dem Zuschauerraum von 750 Plätzen schon längere Zeit in der Diskussion, auch von Seiten der Theatermacher. Gerd-Leo Kuck, bis zu diesem Sommer Generalintendant, hat oft dafür plädiert, ein kleineres Haus zu bauen. Denn das Schauspielensemble ist nach der gescheiterten Fusion mit Gelsenkirchen radikal verkleinert worden und nur noch eine Rumpfmannschaft im Vergleich zu der Zeit, als Holk Freytag das Haus leitete. Außerdem gibt es nur wenige neue Stücke, die für so einen großen Raum gedacht sind, und eine kleine Spielstätte fehlt dem Theater. So bekam das Wuppertaler Schauspiel lange Zeit kein rechtes Profil. Klassiker, in denen das Ensemble mit Schauspielschülern ergänzt wurde, funktionierten ganz gut, und es gab immer wieder kleine Achtungserfolge. Doch insgesamt verlor das Sprechtheater gegenüber der Oper an Bedeutung.
Die jetzige Theaterleitung wird keine Protestaktionen zum Erhalt des Schauspielhauses starten. Sie befürchtet, dass die Bürger noch mehr unter der Schließung von Freibädern, Schulen und Bibliotheken leiden. „Viel schlimmer ist die Kürzung des Etats um zwei Millionen Euro jährlich“, sagt Schauspielintendant Christian von Treskow. Wie das bei ohnehin schon kleinen Ensembles in der Oper und im Schauspiel und knapp kalkulierten Mitteln für Gastkünstler zu leisten ist, weiß im Augenblick noch keiner. Die Entscheidung trifft das Theater in einem Moment des neuen Schwungs, denn mit Treskow und Johannes Weigand in der Oper haben gerade neue Intendanten mit interessanten Konzepten ihre Arbeit begonnen.
Die Schauspielsparte ist mit dieser Entscheidung nicht abgeschafft. Aber das Opernhaus, in dem schon jetzt einige Inszenierungen gezeigt werden, ist nur eine Notlösung, keine passende Heimat für ein Sprechtheater. Außerdem nutzt auch das Tanztheater von Pina Bausch das Schauspielhaus. Die kürzlich verstorbene weltberühmte Choreografin hat sich immer stark für den Erhalt des Gebäudes im Stadtteil Barmen eingesetzt. Dass es so kurz nach ihrem Tod geschlossen werden soll, verleiht der Sache einen mehr als bitteren Beigeschmack.
30 Prozent weniger wird Wuppertal in Zukunft für die Kultur ausgeben. Die Eintrittspreise für die Sinfoniekonzerte sollen angehoben werden, ebenso die Unterrichtsgelder der
Bergischen Musikschule. Das läuft gegen alle Tendenzen zur Stärkung der musischen Bildung: In Wuppertal könnte Kultur bald wieder etwas für die Reichen werden. Auch die Kämmerer aus Dortmund, Bochum, Köln, Mülheim an der Ruhr und vielen weiteren Städten haben schon dafür plädiert, bei der Kultur heftig zu sparen. Weitere Hiobsbotschaften drohen in den ersten Wochen des neuen Jahres, wenn weitere Haushaltssicherungskonzepte vorgestellt werden.
In dieser dramatischen Lage plädiert das Kultursekretariat NRW, der Zusammenschluss der Städte mit eigenen Bühnen, für einen Bestandspakt. Fünf Jahre lang soll das Land die Fortführung der Theater garantieren, damit die einzigartige Bühnenlandschaft nicht der Krisenpanik geopfert wird. Die Mittel des Landes sollen zweckgebunden fließen, damit sie nicht einfach in anderen Löchern verschwinden. Dagegen wehren sich allerdings viele Kommunen, weil sie ihre Eigenständigkeit in Gefahr sehen. Doch die ist ohnehin Geschichte, denn in Zeiten der Haushaltssicherung entscheiden die Regierungspräsidenten, was die Städte ausgeben dürfen.