Donnerstag ist «Was-guckst-du-Tag» mit Reinhard Wengierek in seiner Online-Kolumne für «Theater heute». Diese Woche sieht Reinhard Wengierek im Ruhrgebiet Kultur-Verschwendung und Arbeitslosigkeit und wendet sich empört ab.
Superlative: Das glitzernde gläserne «Centro», Europas größtes Einkaufszentrum inmitten von Oberhausen, dort, wo einst der älteste Stahlkocher vom Revier stand. Dann eine fantastisch orange-lila illuminierte «Kathedrale der Industrie» - ein ausgedienter Gasometer; auch in Oberhausen. Dann pittoresk angestrahlte Fördertürme, tolle Partyzonen auf Abraumhalden, zu Konzert- und Ausstellungshallen umfrisierte Zechen und Schächte. Und dann ein Heile-Welt-Werbe-Album mit sensationellen Farbfotos (Tipp: Die erste Biennale für internationale Lichtkunst). Dazu die Schlagzeile «Ruhr 2010 - Wandel zum kulturellen Superlativ».
Da gibt es die längste Tafel der Welt mit 20 000 Tischen auf 60 Kilometern autofreier A 40. Und eine Henze-Uraufführung. Und «Theater der Welt». Und den «Day of Song» mit tausenden Sängern aus 53 Ruhr-Orten. Und 350 gelbe, über Ex-Kohleschächten schwebende Ballons. Und eben erst gab es für 250 Euro Eintritt an zwei Tagen «Odyssee Europa« in sechs Revier-Theatern, von denen zwei kurz vor der Schließung stehen.
Super Ruhr! Super 2010! Super Superlative nonstop! Und super Unverschämtheit, Verlogenheit, Realitätsflucht! Ein potemkinsches Dorf, dieser ganze Festival-Schnickschnack, dieser lebensfremde Konzept-Hype, der eine finanziell ausgetrocknete Bevölkerung berieselt, die sich statt für Henze oder Fressereien auf Autobahnen für einen Arbeitsplatz interessiert.
R.W., Sachse, Jahrgang 1949. Studium der Journalistik und Theaterwissenschaft an der Uni Leipzig, daraufhin Berlin: Redakteur im FDJ-Verlag «Junge Welt», dann Tellerwäscher (Nachtbar «Lindencorso»), Pförtner (Deutsches Theater), Kinobetreiber («Sputnik» Wilhelmsruh); Schreiber für «Filmspiegel», «Sonntag», «Weltbühne»; Theater-Korrespondent der Dresdner Tageszeitung «Die Union». 1981-1990 Pressearbeit für die beiden Kleinverlage «Union» und «Koehler & Amelang». Dann Theater-Redakteur für «Neue Zeit»; von 1995 bis 2009 für «Die Welt».
Erst recht hier in Oberhausen, der
Stadt mit höchster Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland, mit 14 Prozent Arbeitslosigkeit und einem seit Langem leer stehenden Industrieturm am Bahnhof, den die mit Armut geschlagene Kommune als «Kreativzentrum» für Künstler ausbauen wollte. Als wenigstens ein Lichtlein in der Finsternis. Pustekuchen! Keine Knete. Das Wachstumsbeschleunigungsgesetz gab der Stadt den Rest und schubste nicht bloß Oberhausen in den bislang denkbar größten Ruin.
Man wundert sich, dass die doch ziemlich robuste Bevölkerung im Revier sich nicht zu Massendemos aufrafft gegen die für «Ruhr 2010» von Bund und NRW-Land betriebene, geradezu zynische
Verschwendung von Steuergeldern. Und das angesichts des offiziell angekündigten Abrisses kultureller Strukturen - dem wahren «Wandel zum kulturellen Superlativ»: Alles Kulturelle, «das fällt ab jetzt weg, alles», verkündete Bochums Kulturdezernent. Und Bochum ist überall.
Da wirkt ein größenwahnsinnig aufgebrezeltes, den lokalen Kulturkahlschlag grell überschminkendes, also die Wirklichkeit ausblendendes Hochkultur-Happening - erst recht im Ruhrgebiet - wie ein Schlag in die Fresse seiner Bewohner. Schau'n wir mal, wie lange sich Bürgers Wut noch im Zaum hält.
Zum Schluss noch eine zwar auch todtraurige, aber irgendwie doch ulkige Guckerei in Berlin: Der
ewige Volksbühnen-Direktor Frank Castorf machte sich, freilich lustlos wie immer, zu schaffen an Lenz' «Soldaten».
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Okay, dreieinhalb Stunden ohne Pause, ich war blasenmäßig drauf eingestellt. Aber dann, als einzige immerhin einigermaßen kapierbare Botschaft, Frankies Frauenbild: Da sind zum einen die jungen, die vielen
Girlie-Typen, schrill, eckig, dünn und gern mit Strapsen und immer Höchsthackigen - Kollege Ulrich Seidler erfand den zoologischen Vergleich «Stabheuschrecken». Und da sind die möglichst wenigen Alten; diesmal war es bloß eine Alte: Im Wallewalle-Kleid, flauschig, mollig, gluckig, piepsig - zoologisch gesehen ein Mops.
Soviel über Castorfs tiefenpsychologisch aufschlussreiches
Zweiparteien-Frauensystem. Auf ordinär volksbühnisch dem Volk aufs obszöne Maul geschaut bedeutet das: «Alles F..... außer Mutti.» - Ach, diese Kerle aber auch.
Bis nächsten Donnerstag: Ihr Reinhard Wengierek