Wer sich an die großen Zeiten der DDR-Schauspielerin Ursula Karusseit erinnert, wird es, je nach Vorliebe und Gelegenheit, aus zwei verschiedenen Perspektiven tun. Da war zum einen die aus großen Fernsehfilmen wie „Daniel Druskat“ oder „Wege übers Land“ bekannte resolute zupackende junge Frau, die sich in den harten Nachkriegsjahren zu behaupten hatte. An der Seite von Manfred Krug und Armin Müller-Stahl flimmerte sie da einem Millionenpublikum in die Wohnzimmer – was ihr sogar den Nationalpreis erster Klasse einbrachte. Aber die Theaterenthusiasten feierten sie für ganz andere, freilich weniger publikumsträchtige Rollen – als Rote Rosa in Peter Hacks’ „Moritz Tassow“, 1965 neunmal an der Ostberliner Volksbühne gespielt und dann verboten, als Brechts Shen Te in „Der gute Mensch von Sezuan“, als Gertrud im „Hamlet“ beides ebenfalls an der Volksbühne, vor allem aber als Elsa in Jewgenij Schwarz’ „Der Drache“ am Deutschen Theater, eine Sternstunde nicht nur des DDR-, sondern des europäischen Theaters in den sechziger Jahren – alles Inszenierungen von Benno Besson, mit dem sie lange Zeit auch verheiratet war. Wer Ursula Karusseit heute noch auf der Bühne erleben will, muss sich allerdings buchstäblich auf Wege übers Land machen: In Zollbrücke, einem kleinen Ort an der Oder haben Freunde von ihr das „Theater am Rand“ gegründet – ihr Abenteuerspielplatz heute. Ihr Brot verdient sie aber wieder im Fernsehen, in der Dauererfolgsserie „In aller Freundschaft“ spielt sie seit über zehn Jahren die Kantinenwirtin Charlotte Gauss.
In diesem Buch blickt die Schauspielerin in drei Gesprächen mit dem Publizisten Hans-Dieter Schütt auf ihr wechselvolles Leben zurück: auf die Kindheit mit christlich geprägten Eltern und drei Geschwistern, die nach der Flucht aus Ostpreußen in Gera gelandet sind, auf die Umwege, die sie vom Großraumbüro zum Theater brachten, auf die Theatererfolge, den Fernsehruhm, die Wende (in der Zeit spielte sie u. a. in Köln und Frankfurt/Main; ihr langjähriges Stammhaus, die Volksbühne, hatte sie schon 1986 verlassen).
Ursula Karusseit bringt in diese Gespräche einen sehr persönlichen Ton, und es ist auch nicht zu überlesen, dass sie heute doch mit Wehmut auf die Jahre der großen Erfolge zurückblickt, die sie nun einmal in der DDR hatte. Auch bei ihr hat die Wende mit völlig neuen Erfahrungen und Berufsanforderungen (in der DDR hatte sie sich nie selbst bewerben oder anpreisen müssen) Narben hinterlassen. Zwar gab es noch einmal den Dauererfolg mit „Hase Hase“ in der Endzeit des Westberliner Schillertheaters, an dem der ganze verzweigte Besson-Clan beteiligt war. Aber dann wurde ausgerechnet dieses Theater geschlossen. Einen Wunsch hat die 70-Jährige, die mit dem heutigen Regietheater eher wenig anzufangen weiß, doch noch, als Schütt nach einer Traumrolle fragt: „Ich habe Miss Marple in meinem Hinterkopf, so ein Typ im Film würde mir gefallen.“ Warum nicht?
Ursula Karusseit
Wege übers Land und durch die Zeiten.
Gespräche mit Hans-Dieter Schütt,
Verlag Das Neue Berlin, 2009. 186 Seiten, zahlr. Abb., 17,40 Euro