Die freien Berliner Spielstätten HAU, sophiensaele und Radialsystem V arbeiten jenseits traditioneller Spartenbegriffe
Wenn ein renommierter Theaterregisseur plötzlich Tanzstücke erarbeitet, eine Choreografin Opern-Gesamtkunstwerke schafft, oder die Bühne eines Theatersaals zur begehbaren Installation wird, spricht man im Stadttheaterkontext von einer „Auflösung der Spartengrenzen“. In der so genannten freien Szene dagegen, wo solche Projekte an der Tagesordnung sind, werden derart einengende Begriffe längst nicht mehr verwendet. Dies mag auch an den weitaus flacheren Hierarchien liegen. Wo Künstler und Produzenten gemeinsam Geld beschaffen müssen und Organisationsstruktur und technischen Apparat miteinander absprechen, sind auch Formate wesentlich weniger stark normiert als in den nach wie vor klar abgegrenzten Zuständigkeiten eines institutionellen Hauses.
Dieser Artikel entstammt der Januar-Ausgabe 2010 der Zeitschrift «die deutsche bühne». Diese und andere Ausgaben können Sie in unserem Shop noch nachbestellen. Zum Shop...
Für Heike Albrecht, die seit drei Jahren die Berliner
sophiensaele leitet, ist ihr Ort ein „Experimentierfeld, das sich mit jeder neuen Idee komplett umkrempelt“. Das ehemalige Haus des
Berliner Handwerkervereins, das 1996 von Künstlern selbst in eine flexible Produktions- und Präsentationsstätte umfunktioniert wurde, regt dazu an, unkonventionelle Bespielungsweisen zu erproben. Um formale Kategorisierungen ging es dabei nie. Anstatt kuratorisch mit unterschiedlichen Spartenbegriffen zu operieren, spricht Albrecht lieber allgemein von „progressiver darstellender Kunst“. Sie sieht ihre Rolle der künstlerische Leiterin als „Komplizenschaft, die es ermöglicht, künstlerische Handschriften entstehen und sich entwickeln zu lassen und dann den Raum zu eröffnen, sie zu präsentieren.“
Diese „Komplizenschaft“ und Arbeit an der Verzahnung unterschiedlicher Szenen war von Anfang an eines der Hauptanliegen von Matthias Lilienthal. Sein Theaterkonglomerat Hebbel am Ufer (HAU), das seit 2003 die renommierte internationale Gastspielstätte Hebbel Theater, die Tanzbühne Theater am Halleschen Ufer und das kleine Off-Theater Theater am Ufer unter einer Leitung zusammenfasst, jongliert seit seiner Eröffnung mit der gegenseitigen Befruchtung unterschiedlicher Kunstansätze und Hintergründe. Lilienthal verweist darauf, dass Begriffe wie „Sparte“ oder „Genre“ längst nicht mehr ausreichen, um die Realität der aktuellen künstlerischen Produktion zu beschreiben: „Es gibt eine junge Generation von Regisseuren, die sich selbst mehr als ‚künstlerische Projekt- entwickler‘ oder ‚Ideenproduzenten‘ sehen.“ – Künstler also, bei denen sich die Form aus der Thematik ergibt. In Projekten, die nicht nur seine drei Bühnen, sondern auch Foyers, Proberäume und Partner aus Kunst, Film oder Wissenschaft miteinander vernetzen, sieht es Lilienthal durchaus auch als Aufgabe, immer wieder überkommene Formate und Inhalte „zu sprengen“.
Diese Fähigkeit zur stetigen Veränderung sieht auch Jochen Sandig, Mitbegründer des
Tacheles, der sophiensaele und von
Sasha Waltz & Guests als notwendige Voraussetzung für das Überleben jeder künstlerisch arbeitenden Institution. Das ehemalige Pumpwerk
Radialsystem V, das Sandig vor vier Jahren gemeinsam mit seinem Partner Folkert Uhde, dem ehemaligen Leiter der
Akademie für Alte Musik, zu einem multifunktionalen, immer wieder auch komplett bespielbaren
Raum für die Künste ausgebaut hat, bringt Musik, Tanz, Theater und Bildende Kunst zusammen, um daraus „Gesamtkunstwerke für alle Sinne“ zu entwickeln. Sandig hat in den letzten Jahren einen Paradigmenwechsel ausgemacht – und zwar auch im Bereich der großen Institutionen: „Vor zehn Jahren hätte ich noch gesagt: Bestimmte experimentelle Formen funktionieren nur in experimentellen Räumen. Doch heute möchte ich nicht nur eine Nische für ein experimentierfreudiges Publikum bedienen. Was wir hier gerade im Kleinen modellhaft ausprobieren, ist schon eine Revolution, die man auch ins Große übertragen kann.“
In der Tat werden zahlreiche Projekte, die im Radialsystem V ihren Ursprung finden, später weltweit in Opern- oder Museumsräumen gezeigt. Sandig, der fünf Jahre lang dem Leitungsteam der Schaubühne am Lehniner Platz angehörte und dort mit seiner Idee scheiterte, innerhalb des Theaterbetriebs auch Ausstellungen und Musiktheaterprojekte zu veranstalten, glaubt, dass auch Stadttheater zu solchen Projekten durchaus in der Lage sind. Vorausgesetzt, sie sind bereit, festgefahrene Hierarchien zum Einsturz zu bringen: „Was mich am meisten stört, ist, dass Institutionen oft wie Immobilien denken, sprich im Kopf nicht allzu beweglich sind. Letztlich ist alles eine Frage des Betriebssystems.“