Selbstverwirklichung, Extreme austesten, Charaktere erkunden: Mit solchen Attributen verbindet sich in der Vorstellung vieler Theaterfans der Beruf des Schauspielers. Doch längst wird sein Berufsprofil vom Zwang zum Multitasking geprägt, das vor allem eines verlangt: in unterschiedlichen Medienformaten auf Anhieb reibungslos zu funktionieren. Schauspieler-Coach Jürgen Elbers beschreibt, wie man mit solchen Anforderungen umgeht.
An diesem Vormittag sind es vor allem Berufsanfänger, die zu uns kommen. Im offenen Training halten sie sich fit für das nächste Casting oder Rollenangebot in Film und TV. Den arbeitsfreien Berufsalltag zu meistern, ist oft anstrengender als vor der Kamera zu bestehen. Die Durststrecken ohne Engagement müssen überbrückt werden, die Fallen der Sinnkrise klug umschifft sein. Heute stehen Übungen auf dem Programm, die den Körper auf ungewohnte Art in Bewegung setzen. Schauspielerische Handlungsmuster sollen verändert, Klischees vermieden werden. So entstehen in kurzer Zeit ausdrucksstarke Figuren, die spielfreudig miteinander agieren. Das hat einen angenehmem Nebeneffekt: Im Gruppencoaching werden die täglich wechselnden Teilnehmer miteinander vernetzt; es vermittelt sich ein Ensemblegefühl.
Schon lange wissen sie, dass es eine brotlose Kunst ist, der sie sich verschrieben haben; oft genug haben die Eltern sie gewarnt, wollten ihnen eine sichere Zukunft wünschen – vergebens. Der Spieldrang, die Lust, im Mittelpunkt zu stehen, wirkt stärker als der Zeigefinger für die gesicherte Existenz. Sie arbeiten nebenberuflich als Messehostess oder Servicekraft und kämpfen für ihr Vorwärtskommen im eigentlichen Beruf. Die Berufsbezeichnung Schauspieler ist nach wie vor ungeschützt; jeder kann sich dieses Label auf die Visitenkarte drucken. Das macht die Sache nicht einfacher, denn heutzutage hat fast jeder schon mal vor der Kamera gestanden und sich selbstdarstellerisch ausprobiert.
Schauspieler, die sich bei einem Schauspielcoach Unterstützung holen, sind eine bunte Mischung aus Anfängern, Talenten oder Profis. Sie alle identifizieren sich mit diesem Beruf; verdienen als Schauspieler ihren Lebensunterhalt oder zumindest die Miete. Die Medienbranche will diese unterschiedlichen Persönlichkeiten, will zuweilen auch nur Gesichter, egal ob mit Ausbildung oder ohne. Einige von ihnen arbeiten genreübergreifend für Bühne, Film und Fernsehen, andere schauspielen nur in speziell ausgesuchten Formaten. Diese Schauspieler wissen, wo sie am stärksten sind; welcher Arbeitsplatz am besten zu ihnen passt.
Am späteren Vormittag kommt Lisa ins Studio; sie will ihr Repertoire für das nächste Bühnenvorsprechen auffrischen und interessiert sich weniger für Fernsehen oder Film. Nach einer langjährigen privaten Schauspielausbildung fühlt sie sich auf den Theaterberuf immer noch unzureichend vorbereitet. Die Rollen werden im Einzelcoaching entwickelt und nach längerer Probenzeit vor geladenen Gästen bei einem Showcase präsentiert. Dann zeigt sich, was gelungen ist oder nachgebessert werden könnte.
Schauspielcoaching ist keine Schauspielschule; beim Schauspielcoaching geht es um die Festlegung individueller Arbeitsziele für einen bestimmten Zeitraum. Das Vorwärtskommen des Einzelnen steht im Fokus der Zusammenarbeit. Schauspielcoaching ist in der Filmund Theaterszene Deutschlands noch eine relativ junge Erscheinung. Während es in den USA fast selbstverständlich ist, als professioneller Schauspieler seinen Coach mit ans Set zu bringen, wirkt dies im hiesigen Lande doch eher anrüchig. Nach dem Motto: „Warum braucht der einen Coach, kann der das nicht alleine?“, treten Schauspielcoaches hierzulande kaum öffentlich in Erscheinung. Sie arbeiten undercover; insgeheim bieten sie ihren Kunden die Unterstützung, um in der Medienbranche zu bestehen. Der Schauspielcoach als Geheimwaffe gegen die Unzulänglichkeiten im Geschäft ist so etwas wie ein Mentor, ein Therapeut oder Privatlehrer – vielleicht sogar ein Freund, der mit gutem Rat, psychologisch geschickt sein Gegenüber zur schauspielerischen Höchstleistung inspiriert.
Das Telefon klingelt; Caroline ist am Apparat und will sofort einen Termin vereinbaren. Sie hat die Hauptrolle in einem 90-minütigen TV-Format bekommen. Caroline ist eigentlich Lehrerin und kam zufällig in den Beruf; als unausgebildete Schauspielerin muss sie nun neben einem namhaften Vollprofi bestehen. Zum Glück beginnen die Dreharbeiten erst in sechs Wochen; da gibt es genügend Zeit zur Vorbereitung. Zunächst wird mit Caroline das Drehbuch auf seine Passung geprüft: „Was kommt mir an der Rolle bekannt vor; was ist mir an der Rolle fremd?“