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Interview

Was ist eine Hemmschwelle?
Foto: LSD / Lenore Blievernicht
Johan Simons kommt als Intendant an die Münchner Kammerspiele. Alles, was hier seinen gewohnten Gang geht, sieht er mit den Augen eines Fremden. Er bemerkt, dass man die Kammerspiele suchen muss zwischen den feinen Geschäften der Maximilianstraße. Er schätzt das deutsche Repertoiresystem, sieht aber auch andere Möglichkeiten.

Herr Simons, was reizt Sie an München?

Johan Simons Mit München verbinde ich ein gutes Gefühl. Die Stadt hat viel von ihrem bäuerlichen Ursprung: Einmal habe ich gesehen, wie aus dem Mandarin Hotel reich gekleidete Leute kamen und in eine Limousine stiegen. Auf der anderen Straßenseite stand ein großer Traktor mit einem Anhänger voller Korn, das der Bauer in eine Getreidemühle laufen ließ. Dieses Bild hat mich beeindruckt.

Dieses Nebeneinander.

Johan Simons Ja, dieses Nebeneinander so verschiedener Dinge. Auf dem Viktualienmarkt sieht man Leute vom Land ihr Gemüse verkaufen – ich weiß, das ist eine viel zu romantische Sicht, aber trotzdem: Man spürt den Gegensatz zwischen einer modernen Stadt und einem mittelalterlichen Markt. Ich finde es reizvoll, damit ein Verhältnis anzufangen. Und zwischen den teuren Läden der Maximilianstraße sind die Kammerspiele: mittendrin und doch versteckt. Viele Taxifahrer wissen nicht, wo dort ein Theater sein soll. Ich möchte, dass man von weitem sieht: Ah, da ist ein Theater drin. Darum entwickelt Bert Neumann ein neues Lichtkonzept für die Eingänge.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie wussten, dass Sie an die Kammerspiele kommen?

Johan Simons Das Ensemble soll möglichst intakt bleiben. Für München ist es wichtig, dass die Leute ihre Schauspieler kennen. Wie in Wien liebt man hier seine Schauspieler. Man möchte sich mit ihnen identifizieren, sie gehören zur Stadt.

Und was soll anders werden?

Johan Simons Ich will die Spielhalle als neuen Spielort etablieren. Ich brauche einen Raum mit einer flexiblen Tribüne. Das ist wichtig für Regisseure, die nicht im deutschen System arbeiten: acht Wochen im Probenraum, dann auf der großen Bühne proben. Menschen wie Alain Platel arbeiten anders – und deshalb nie in Deutschland. Das möchte ich ändern: Neben dem Repertoiresystem, das ich immer vehement verteidigen werde, möchte ich parallel ein anderes System entwickeln.

Ein internationaleres?

Johan Simons Genau. Wenn Alain Platel kommt, probt er vier Monate – in seiner Geburtsstadt Gent. Das ist schwierig zu organisieren.

Weil die Schauspieler vier Monate weg sind.

Johan Simons
Ganz so radikal geht es nicht: Natürlich müssen sie hier ihre Vorstellungen spielen. Aber wenn ich eine langjährige Planung mache, kann ich die Schauspieler bei Alain Platel einsetzen, die keine Familie haben und es aufregend finden, ins Ausland zu gehen. Man muss alles so organisieren, dass es möglich wird. Den Schauspielern tut das mal gut: länger zu proben, anders zu proben.

Wie kann dieses „anders“ aussehen?

Johan Simons
Platel arbeitet mit Schauspielern und Tänzern. Das ist eine Investition in die Schauspieler. Sie können innehalten und reflektieren, was Schauspiel bedeutet. Gesellschaftlich? Für mich? Wie steht ein Schauspieler auf der Bühne? Wie ein Tänzer?

Würden Sie sagen, dass sich ihr Konzept mit dem Wort „Öffnung“ umreißen lässt? Zu neuem Publikum, neuen Kooperationen, neuen Künsten?

Johan Simons
Ja, das kann man so sagen. Obwohl: Was meint man mit neuem Publikum?

Geht es Ihnen nicht auch darum, Hemmschwellen abzubauen?

Johan Simons Was ist eine Hemmschwelle?



Anne Fritsch / Die Deutsche Bühne / Seite 34 / Juli 2010

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