Wenn jemand etwas über das europäische Theater erzählen kann, dann Paolo Magelli. In den letzten 40 Jahren hat der Italiener in Ungarn, Kroatien, Belgien, Mazedonien, Slowenien, Serbien und Montenegro, in Deutschland und der Schweiz, aber auch in Venezuela, Mexiko und Kolumbien und natürlich in Italien Stücke inszeniert. Heute und morgen gastiert er mit dem Jungen Theater Zagreb (ZKM) und dem kroatischen Stück «Zagreb Pentagramm» auf der Wiesbadener Biennale.
Herr Magelli, sind wir im Zuge der internationalen Theaterfestivals und des zusammen wachsenden Europas auf dem besten Weg, eine internationale Theatersprache zu entwickeln?
Ich hoffe nicht, dass wir auf der Suche nach einer gemeinsamen Ästhetik sind! Die Schönheit Europas liegt in seinen unterschiedlichen Kulturen. Man sollte sich um eine Vertiefung dieser Unterschiede bemühen.
Vor welchem kulturellen Hintergrund inszenieren Sie?
Vor dem Hintergrund des Landes, in dem ich mich befinde und dessen Sprache ich gerade spreche. Die Arbeit mit den Menschen unterschiedlichster Kulturen, das ist mein Leben.
Gibt es überhaupt länderspezifische Ästhetiken?
«Zagreb Pentagramm» auf der Biennale «Neue Stücke aus Europa» in Wiesbaden:
Sa, 26.06., 19 Uhr und So, 27.06., 18 Uhr
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Ich glaube, diese Frage kann man nur beantworten, wenn man sich mit dem Schauspieler beschäftigt. Er ist ein Tunnel, durch den man in die Geschichte eines Landes eintritt und durch den man in die Seele dieses Landes reist. An seinem Spiel macht sich seine Kultur fest.
Könnte man das nicht auch über den Dramatiker sagen?
Der Dramatiker empfindet sich oft als interpretierbar. Der Schauspieler ist nicht objektivierbar. Er ist ein Sensor, der seine persönliche und die historische Vergangenheit in sich trägt – wenn er gut ist, spürt man durch ihn auch, welche Zukunft möglich ist. Natürlich spielt die Ästhetik des Regisseurs eine Rolle, aber sie muss durch den Schauspieler hindurch gehen. Man kann als Regisseur das ästhetische Spiel des Schauspielers nur begrenzt verändern.
Wie kam es nun zum «Zagreb Pentagramm», mit dem Sie nach Wiesbaden eingeladen wurden?
Wir haben, inklusive Proben, 14 Monate daran gearbeitet. Ich wollte ein Stück über eine Metropole zeigen, das sich aus verschiedenen Perspektiven zusammensetzt. Zagreb ist dabei nur ein Beispiel für die Problematik einer Großstadt. Zusammen mit meiner Dramaturgin habe ich fünf sehr unterschiedliche Schriftsteller aus Zagreb ausgewählt. Die Dramaturgin und ich haben uns fünf Themen überlegt und sie verteilt – und keiner der Schreiber wusste, wer sonst noch an diesem Projekt beteiligt ist. Wir wollten vermeiden, dass sich die fünf zusammen an einen Tisch setzen und zu einem ähnlichen Ansatz finden.
Welche Themen haben Sie vorgegeben?
Ein Thema lautete zum Beispiel: Was ist mit der Liebe in der Stadt passiert, warum gibt es
sie kaum noch? Das sollte Nina Mitrović mit Frauen darstellen, ohne daraus ein feministisches Stück zu machen. Ivan Vidić sollte darüber schreiben, wieso die Märchen aus der Stadt verschwunden sind. Wir zeigen fünf Fenster in Räume, in die man nicht gern blicken mag: Inzest, Geldnot trotz Bildung, Gewalt – das Schicksal von Menschen ist in vielen Städten ähnlich. Die Mittelschicht fehlt, und die Gräben zwischen arm und reich sind riesig.