Gerhart Hauptmanns «Rose Bernd» hat es heute nicht nur wegen seiner schlesischen Kunstsprache eher schwer auf den deutschsprachigen Bühnen. In München schafft es Enrico Lübbe, das Stück zum Leben zu erwecken.
Beschreibung:
Rose Bernd ist eine junge Frau, die einfach zu schön und zu attraktiv ist, um in einer bigotten, patriarchalisch dörflichen Welt nicht zum Objekt der Begierde zu werden. Nachdem das Drama seinen Lauf genommen hat, bringt sie am Ende ihr uneheliches Kind um.
Enrico Lübbe reduziert Hauptmanns Naturalismus auf eine Versuchsanordnung und macht die schlesische Mundart zur Kunstsprache. Die Bühne von Hugo Gretler ist eine Schräge aus dunklem Holz. Die Alltags-Kostüme sind überzeitlich. Wie in einem Alptraum entfaltet sich die Verzweiflung der Titelheldin. Am Anfang und am Ende stürzt sie als Verfolgte und Gejagte zwischen den Eimern kopfüber nach vorn an die Rampe, während alle anderen als bedrohliche Front von Verfolgern und Jägern in Reih und Glied zuschauen. Auch wenn der Text von der Rampe exekutiert wird, entfaltet die Szene einen sinnlichen Sog.
Bewertung:
Über den Umweg des genauen Hinsehens auf seine Figuren erschließt Enrico Lübbe die Relevanz eines Konflikts, bei dem es nicht in erster Linie um einen Kampf zwischen Oben und Unten geht, sondern um das, was in den Menschen angelegt ist und freigesetzt wird, wenn sie das, was sie erreicht haben, verteidigen wollen.