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Freie Szene

«Wir versuchen, auf der Bühne zu denken»
Szenenbild aus «Othello c`est qui' von Gintersdorfer / Klassen; Foto: Knut Klassen
Unglamourös wenige waren in die Kassenhalle im Haus der Berliner Festspiele gekommen, um sich bei der Vorstellung des «Reports Darstellende Künste» über die Arbeitsbedingungen freiberuflicher Tanz- und Theatermacher informieren zu lassen. Na gut, es ist Theatertreffen-Zeit. Und nebenan lief parallel zur Buchpräsentation Karin Beiers «Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen» - gesellschaftlicher Abschaum hinter einer schalldichten Glaswand.

Die andere schalldichte Bewusstseins-Wand, hinter der die Arbeits- und Lebenssituation freischaffender Theater- und Tanzkünstler seit Jahrzehnten unerforscht geblieben ist, durchlässig zu machen, hat sich der Fonds Darstellende Künste in den letzten zwei Jahren zur Aufgabe gemacht. Seit dem «Künstlerreport» von 1973 habe es keine repräsentative Untersuchung mehr dazu gegeben, wie es den Künstlern in der Gesellschaft geht, ein Update sei also dringend nötig gewesen (nicht nur, weil die alte Untersuchung schon lange vergriffen sei), so Günther Jeschonnek, Vorsitzender des Fonds, aus dem jährlich etwa 100 freie Projekte mit insgesamt einer Million Euro aus Bundesmitteln gefördert werden.

Nun belege man im «Report Darstellende Künste» mit Fakten, was schon lange jeder vermutet: die Mehrzahl der freien Theaterleute krebst am Existenzminimum herum, wenn nicht gar drunter. 4000 Künstler aus den Bereichen Tanz und Theater (zum Vergleich: auf etwa 4000 wird das Ausmaß der Berliner Freien Szene, die die größte Deutschlands ist, geschätzt) haben den Bogen ausgefüllt, in dem sie zu ihrer Arbeitsbiographie befragt wurden (Ausbildung, Berufseinstieg, Einkommen, Nebenjobs, soziale Absicherung).

Herausgekommen ist konkret: Das jährliche Nettoeinkommen der befragten Künstler liegt 40 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt (17463 Euro). Fast die Hälfte muss regelmäßig nicht-künstlerische Nebenjobs annehmen, um überhaupt künstlerisch arbeiten zu können. 45 Prozent haben keine Reserven, um in Altersvorsorge zu investieren. Das impliziert unter anderem, dass zwei Drittel (Bundesdurchschnitt: ein Drittel) kinderlos bleiben - und dass nur 20 Prozent zufrieden sind mit ihren Zukunftsperspektiven.

Trotzdem wird die Szene seit Jahren größer, ein Gegentrend ist nicht abzusehen. «Wie gelingt es uns, das wachsende kreative Potential gesellschaftlich zu integrieren?» fragt Jeschonnek und appelliert an die Politik, das als Querschnittsaufgabe zu verstehen - der Kulturdezernent dürfe mit der Lösung dieser Probleme nicht alleine gelassen werden. Außerdem müsse das Modell Künstlersozialkasse dringend reformiert werden - es reiche, siehe Report, schon lange nicht mehr aus zur sozialen Absicherung.
 



20.05.2010 Sophie Diesselhorst

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