Arnolt Bronnen leiht mit «Vatermord» den Titel und die Inspiration für einen Theaterabend, der weit über seine Vorlage hinaus geht. Robert Borgmann macht daraus eine fesselnde Geschichtsrevue.
Beschreibung:
Es beginnt wie im Labor. Vom Rang des Centraltheaters aus schaut das Publikum auf die Bühne. Dort hat Susanne Münzner aus einer Inneneinrichtung von nebenan einen Wohnwürfel zusammen geschoben. In dessen beklemmender Enge finden die alltäglichen Rituale einer Familie statt. Sie werden von einem stummen Amoklauf beendet: ein Freund des Sohnes erschießt alle.
Diese Paraphrase auf einen konkreten Amoklauf ist das Vorspiel für einen Perspektivwechsel. An der toten Familie entfesselt Regisseur Robert Borgmann mit einem exzellenten Ensemble (u.a. Marek Harloff als Sohn und Thomas Lawinky als Vater) einen assoziationsgeladenen theatralischen Parforceritt durch die deutsche Geschichte.
Da kommen Heinrich George und Sohn Götz ebenso vor wie Martin Heidegger und Hannah Ahrendt, Caspar David Friedrich und Joseph Beuys. Der permanente Vatermord, die Revolte gegen das gern Verschwiegene ist eine Art Leitmotiv für eine packende Revue, die schnell ihren Sound findet und mit ihrer anspielungsreichen Atmosphäre fesselt.
Bewertung:
Wer eine Theaterversion von Arnolt Bronnens Roman auf der Bühne sehen will, der wird enttäuscht. Doch wer sich auf eine entfesselte Geschichtsrevue aus individueller Perspektive einlässt und Freude an anspielungsreicher Zitatencollage und kraftvoll assoziativem Spiel hat, der wird sich dem Sog dieses ungewöhnlichen szenischen Wurfs nicht entziehen können.