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Kolumne

22.07.: Wengierek, was guckst du?
Foto: Eva Behrendt
Donnerstag ist «Was-guckst-du-Tag» mit Reinhard Wengierek. Diese Woche guckt Reinhard Wengierek einen klimatisierten Jochen Busse und einen Opern-Sommerschlussverkauf.

Ich gucke trotz 38 Grad im Schatten Theater. Grenzt an Beklopptheit oder krankhafte Job-Geilheit. Aber wie das so geht, die Bekloppten und Geilen kriegen dann – ätsch! – ihr Ding. Und das lauert – Theater-heute-Hardcore-Puristen aufgeschreckt! ‑ in der guten alten Komödie am Berliner Kurfürstendamm. Und überrumpelt mit erstens: Super Klimaanlage (wohl die beste in Berlins Theatern, wie die im Pei-Bau vom Historischen Museum, tagsüber der ideale Touristen-Kühler; läuft grad eine mit Memorabilien gespickte Doku zum Einigungsprozess 1990).

Überrumpelung Nummer zwei: Das Autoren-Tandem Lars Albaum & Dietmar Jacobs, zwei perfekte Pointenfeuerwerker aus dem journalistischen Edelfeder-Pool. Und Nummer drei: Jochen Busse, der diskret melancholische Komödiant, der Menschen darstellen ‑ und der sarkastische Komiker, der Witze schleudern kann. Noch dazu ein paar weitere Boulevard-Kanonen wie das furiose Fehlerfrei-Schnellsprech-Girl Monica Kaufmann, und fertig ist der eisgekühlt hochprozentige Feierabend-Drink; Titel: «In jeder Beziehung».

Beim Schlürfen in Einsamkeit, zu zweit, zu dritt oder gar zu sechst geht es ums vertrackte Verhältnis zwischen Sex und Ehe – und um feinstes Amüsemang; frech, intelligent, zwischen den Zeilen hintergründig und, den Autoren wie dem Regisseur Horst Johanning sei Dank, jenseits von Berlinaa Bolle-Gedöns.

Das alles ist ein Beweis: die Kudamm-Komödie ist lebensfähig (Bravo Martin Woelffer für diesen Coup!). Boulevard pur ist trotz aller Unkerei möglich; doch halt nur mit einem «best-of» an Spielern, vor allem an Schreibern. Flaue Vorlagen, die sich im subventionierten Hochleistungsbetrieb üblicherweise noch durchlavieren, wirken im unsubventionierten Bühnenbetrieb sofort toxisch; da hilft kein Starauftrieb drüber hinweg.

Dann gucke ich den Sommerschlussverkauf der Komischen Oper. Da haut «Berlins kleinstes Musiktheater» mit der nach wie vor geringsten Platzauslastung noch einmal sowie am Stück alle seine Neuproduktionen der, vornehm ausgedrückt, arg durchwachsenen Saison auf die Bühne. Auch mein Schauspiel-Lieblingsregisseur Nicolas Stemann war dabei mit der Offenbach-Operette «La Périchole». Ziemlich verbiestert, doch (wie immer) technisch virtuos, ritt er auf der altbackenen These herum, dass Entertainment einlullend wirke aufs kritische Bewusstsein. Geschenkt.

Wirklich bis dato unerhört aber war Stemanns Gag, Jacques Offenbachs lebensfunkelnde Partitur zu durchmischen mit Richard Wagners todestrunkenen «Tristan»-Tönen (Daseinsernst kontra Trallala). Hinter diesem Aha!- und Hahaha!-Effekt steckt ein aasiger Scherz für Insider. Die wissen nämlich, dass Wagners Groß-Werk «Tristan und Isolde» seinerzeit wegen Unspielbarkeit von der Wiener Hofoper abgewiesen wurde zugunsten des Offenbach-Opus «Die Rheintöchter». Der tolle Sachse reagierte fortan mit Dauer-Hass auf den tollen Rheinländer. Hätte er sich sparen können; zumindest aus heutiger Sicht. Denn die paar eingespielten «Tristan»-Takte stachen in ihrer Magie die ganze Offenbachiade locker aus. Lieber Stemann, das haste davon, das eine Genie neben das ganz andere bloß eines Witzes wegen auf die Bühne zu zerren. Oder sollte das was beweisen? – Dann brüll' ich: «Buh!!»

Zum Schluss noch eine tiefe Verbeugung. Mein bevorzugtes Feuilleton (es sei enthüllt: Süddeutsche Zeitung) vermeldete den Abgang (Rente!) des «größten deutschen Beleuchtungsmeisters» Max Keller, 32 Jahre lang in Diensten der Münchner Kammerspiele. «Der hat alles Licht der Welt im Kopf», schwärmt Armin Petras. Das steht für alle Theaterberühmtheiten, die vor Keller und seinen sagenhaften Lichtspielen auf den Knien lagen.

Diese und weitere Kolumnen auf kultiversum: Lesen Sie alle Folgen von «Wengierek, was guckst du?» und andere Stücke von kultiversum-Autoren.

Hier geht es zur letzten Kolumne.

Ich werde erinnert ans Deutsche Theater Berlin anno 1989: «Hamlet/ Hamletmaschine»(Heiner Müller). Mit diesem ungeheuerlichen, alle Farben aufsaugenden fahl-gelblichen Licht aus Kronleuchter und Proszeniumslogen, «Schwarzlicht» geheißen. Jetzt erfahre ich, es hat mit Natriumröhren zu tun – eine Kellersche Erfindung. Wieder was gelernt, wenn auch spät. Aber nicht zu spät: Ein immergrüner Lorbeerkranz für diese Lichtfigur der Theaterkunst.

Bis nächsten Donnerstag Ihr Reinhard Wengierek


22.07.2010 Reinhard Wengierek

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