Donnerstag ist «Was-guckst-du-Tag» mit Reinhard Wengierek. Diese Woche guckt Reinhard Wengierek das herzige Peterle - und knuddelt den Sommernachts-Cocktail in Dessau.
Ich gucke Peter Squenz. Und muss es endlich in alle Welt trompeten: Das naiv-erfinderische, selbstherrlich verspielte Schulmeisterlein Peter Squenz aus Gryphius-Rumpelskirchen oder Shakespeare-Athen ist meine ganz, ganz große Liebe; beinahe lebenslang. Durch nichts ist die Seligkeit zu erschüttern, wenn Peter kommt. Wenn der irrwitzige Schlaumeier antritt mit seinem Handwerkertrupp, alles Deppen wie wir, um das Tränenstück «Pyramus und Thisbe» aufs Brettl zu hieven.
R.W., Sachse, Jahrgang 1949. Studium der Journalistik und Theaterwissenschaft an der Uni Leipzig, daraufhin Berlin: Redakteur im FDJ-Verlag «Junge Welt», dann Tellerwäscher (Nachtbar «Lindencorso»), Pförtner (Deutsches Theater), Kinobetreiber («Sputnik» Wilhelmsruh); Schreiber für «Filmspiegel», «Sonntag», «Weltbühne»; Theater-Korrespondent der Dresdner Tageszeitung «Die Union». 1981-1990 Pressearbeit für die beiden Kleinverlage «Union» und «Koehler & Amelang». Dann Theater-Redakteur für «Neue Zeit»; von 1995 bis 2009 für «Die Welt».
O ja, da ist das Peterle total herzig, und der Herr Squenz total herzzerreißend. Zum Knuddeln und zum Niederknien. Schönstes, reinstes Theaterglück! Immer wieder wisch' ich beim Zugucken mindestens eine Träne weg, wenn da aus grober Menschenklamotte feine Menschheitskomödie wird – und umgekehrt. Diesmal gelang
Uwe Fischer das Kunststück. Im Stadtpark zu
Dessau, auf knallbunter Bühne, in Affenhitze und unter Mücken-Bestechung ‑ korrekt bei Sonnenuntergang ab 21.20 Uhr. Also: Kratzen, Fecheln, Trinken und Staunen über einen scharfen
Sommernachts-Cocktail aus Botho Strauß («Im Park«), Andreas Gryphius («Herr Peter Squenz») sowie Parodien aktuellen TV-Entertainments, keck zusammen gequirlt und aufgeschäumt von Regisseurin Andrea Moses.
Immer wieder erstaunlich, was das Anhaltische Theater drauf hat. Trotzdem: Es kommt nicht runter von der Liste abwicklungsbedrohter Betriebe. Peter-Uwe Squenz-Fischer, du solltest dir, statt immer nur Handwerker, mal Kommunalpolitiker zur Brust nehmen.
Vor 50 Jahren (Gott, wie rast die Zeit), da habe ich, statt TV oder Kino, noch unentwegt Bücher geguckt. «Alfons Zitterbacke. Geschichte eines Pechvogels» war neben «Robinson Crusoe» mein Bestseller (Karl May gab‘s nicht in der DDR, wurde erst später aus dem Westen eingeschmuggelt). Also Alfons, mein Superheld, so zittrig daneben, wie auch ich. Was ich mir damals freilich nicht derart unverblümt eingestand, wie Autor Gerhard Holtz-Baumert es erzählte.
Ein Vierteljahrhundert später, Mitte der 1980er, gab es eine DDR-Fernsehserie über diesen ziemlich unsozialistischen Zitterbacke mit dem damals zehnjährigen Knaben Enrico Lübbe aus Schwerin. Hab‘ ich nie gesehen (immer dieses Kleben am Westfernsehen!). Inzwischen wurde aus Lübbe (Schüler von Wolfgang Engel damals in Leipzig) ein sympathischer Regisseur, der sagt, er verstehe Theater weder «als Manege für Eitelkeiten» noch «als Startbahn für trendige Hits». Seit 2008 mischt Direktor Lübbe das Schauspiel Chemnitz auf, ohne es gleich ‑ bei aller Vehemenz ‑ dem Publikum zu entfremden wie Kollege Hartmann in Leipzig.
Schade, das südsächsische Erfolgsprogramm hat sich noch nicht recht herumgesprochen. Oder doch: In Bayern hat’s gefunkt! Dieter Dorn lud Lübbe ein zum Debüt an seinem Haus, das unversehens sich empor warf zum künstlerischen Großereignis: Gerhart Hauptmanns Kindsmörderin-Tragödie «Rose Bernd» im Münchner Marstall.
Eine leere Bühne, gleißend hell. Und Figuren, die Schlagschatten werfen und, wie Bert Wredes Soundtrack, das Dramatische irritierend verstärken. Gesprochen wird Schlesisch gleichsam wie Hochdeutsch; ein Effekt, dem der Schlagschatten gleichend. Gespielt wird klar, konzentriert, mit elementarer Wucht. Auf den Baby-Mord hin, diesen entsetzlich emanzipatorische Befreiungsschlag mit seinen bigotten, muffigen Mittätern ‑ Kommentar auf der Brandmauer: «Tue recht und scheue niemand.» Tolles Ding!
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Also wenn schon München, dann noch ein hübscher Rausschmeißer: In der
Komödie im Bayerischen Hof Pierre Chesnots «Vier linke Hände». Vor der Premiere ein VIP-Act im Foyer: Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an Joachim Fuchsberger. Dann Vorhang hoch für die Verrenkungen einer so lüsternen wie nicht mehr ganz taufrischen Dame, einen trottligen älteren Herrn rumzukriegen. Regisseur
Karl Absenger tuscht die zwischen Bitterkeit, Ironie und grotesker Komik changierenden Verführungsspielchen mit leichter Hand gekonnt in den Guckkasten. Wo
Michael Schanze zeigt, dass im populären Entertainer und Bambi-Besitzer ein ordentlicher Charakterspieler steckt.
Bis nächsten Donnerstag Ihr