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Kolumne

Wengierek, was guckst du?
Foto: Eva Behrendt
Donnerstag ist "Was-guckst-du-Tag" mit Reinhard Wengierek. Diese Woche guckt Reinhard Wengierek lila Wolken über Poznan.

Ich gucke den Sommer. Lauter lila Wolkenhaufen. So nämlich sieht momentan der Himmel aus über Poznan. Denn in der italienisch schönen polnischen Stadt Posen ist ‑ noch bis zum 3. Juli ‑ Party im Zeichen der violetten Wolke, dem Logo des 20. Crossover-Performance-Festivals «Malta» (benannt nach einem See am Stadtrand).

Auf dem Altmarkt ganz in prunkvoll wieder hergestellter Renaissance geht es rund bis in den frühen Morgen. Mit massenhaft Draußen-Kneipen. Mit rockigen Live-Bands, ab 01.00 Uhr mit «Silent Disco» via Kopfhörer (Personalausweis als Pfand für die Kopfhörer). Und unentwegt mit pyromanisch, krachmäßig und ideologisch hoch gerüstetem Straßentheater – etwa der Britpop-Group «The Bell», die Menschheitsbefreiung spielt im Reichsparteitags-Agitprop-Sound. Doch es gibt allerorts auch zartfühlender auftretende «Public-Space»-Artisten. Also nichts wie hin zum Nachbarn jenseits der Oder. Für 50 Euro und günstigen Geldumtausch (eins zu vier) im Warszawa-Express; drei Stunden von Berlin, vorbei an Kiefern und Feldrainen mit Kornblumen und Klatschmohn. Und hinter jedem Ausschank lockt ein Großbildschirm für Fußball.

Natürlich, im luftig lila Happening-Gewölk wabert auch Dunkleres, zucken Blitze, donnern gar Gewitter: Ein ordentliches internationales Festival des Performativen mit reichlich 200 Veranstaltungen in nur neun Tagen präsentiert selbstredend auch solche, die bei aller Lilalei den Ernst des Daseins zumindest komisch, grotesk oder gar zynisch umspielen. Freilich, das könnte man just auch bei Theater der Welt erleben. Und mancher Kunstschaffende reist auch gleich weiter von der Warthe an die Ruhr.

Sagen wir es so: Für Festivalhopper hierzulande ist Posen-«Malta» eine auch in finanzieller Hinsicht attraktive, lässige neue Location. Mal was anderes, statt immerzu deutsche Schloss- und Parkfestspiele oder demnächst die von jedem Stadt- und Staatstheater vorweg genommene Bayreutherei. Oder gar der kostenintensive austriakische Höchstkultur-Kanon in Salzburg.

Nun gut, ich mach‘ schon Schluss mit violetter Reklame; seid unbesorgt, die polnischen Schnauzbärte zahlen keine Provision. Eine Entdeckung am Rande: Das 1904 unter Kaiser Friedrich III. prunkvoll errichtete Nationalmuseum, 2001 pappten die Polen einen großzügigen Zweitbau durchaus geschickt an; in diesem frisch heraus geputztem Alt-Neu-Bau gibt es von Frührenaissance bis Gegenwart alles zu gucken. Sogar Design. Das Verrückteste: Direkt neben einem Marmor-Ganymed von Thorvaldsen (1821) unter Glas drei Designer-Pullen für Finlandia-Vodka (1994).

Ziemlich durchgeknallt auch die Performance des bei «Malta» gastierenden polnischen

Diese und weitere Kolumnen auf kultiversum: Lesen Sie alle Folgen von «Wengierek, was guckst du?» und andere Stücke von kultiversum-Autoren in unserer Rubrik «All». Weiter

Hier geht es zur letzten Kolumne.

Damentrios Olga Badowska, Joanna Baranowska, Anna Kasinska aus Waszawa, das dort ein so genanntes Untergrund-Restaurant betreibt («Mash-Her-Dip»). Via Internet konnte man sich einladen in eine ausgeräumte Etagenwohnung (Stuck, Lüster, Parkett bereits im Treppenhaus): Zu einem «Essen mit Kanarienvogel». Sechs Gänge, drei Weine (einmal deutsch, zweimal französisch) plus Sherry (Lustau East India). Die hochhackig gestiefelten Dominas in Schwarz traten auf als enorm gestrenge Kommissarinnen der steifleinernen Bürgerlichkeit, die den 18 Gästen an der formvollendet gedeckten Tafel (zwei Lakaien) alle Lust am Speisen vermiesten, indem sie gouvernantenhaft auf Etikette pochten und ätzende Beklemmung und Verunsicherung entfachten, unterstützt von geheimnisvoll enervierenden Geräuschen (Vogelgeschrei, Kinderweinen, Geschirrzertrümmern). Die Lehre: Zivilisationszwänge, Kulturfortschritt (edel Essen) souverän handhaben, sich von selbsternannten Mächten nicht einschüchtern, nicht den Gourmet austreiben lassen, Kommunikationshemmungen überwinden (das kanarische Tierchen im Käfig überm Tisch hatte auch keine). Am Ende ließen die militanten Kulturverweserinnen uns abrupt sitzen. Ohne Esswerkzeuge, aber mit vollen Weinpullen: Es wurde noch sehr lustig. Und das dreistöckige Gebäck zum Dessert vom Sheraton-Poznan avancierte zum Objekt einer enthemmten Tortenschlacht – dünn ist die Haut, die uns vom Animalischen trennt.

Bis nächsten Donnerstag Ihr


01.07.2010 Reinhard Wengierek

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