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Best of … Theatertreffen

Ohne Torte und Quote
Die Theatertreffen-Jury 2011, Vasco Boenisch: 1.v.l., Christine Wahl: 3.v.r.; Foto: Charlotte Menin
Ein Jahr fürs «Theatertreffen» unterwegs: die Neu-Juroren Christine Wahl und Vasco Boenisch über den Auswahlprozess

Theater heuteWir haben lange überlegt, von welcher Seite aus man die diesjährige Theatertreffenauswahl in die Mangel nehmen könnte, aber die Sache ist verdammt wasserdicht: 30 Prozent Frauenquote, 10 Prozent Türken, 30 Prozent Freie Szene, 30 Prozent neue Stücke, zweimal Osten, vier neue Gesichter. Da kann keiner meckern!

Vasco Boenisch
Ja, es ist das Jahr der unüblichen Verdächtigen. Aber so geht man da ja nicht heran.

Christine WahlNein, wir haben unsere Auswahl nicht nach Tortendiagramm getroffen. Es

war wirklich so, dass wir ausschließlich inhaltlich diskutiert haben, um jede einzelne Inszenierung. Kein einziges Quotenargument hat zu irgendeinem Zeitpunkt eine Rolle gespielt.

Boenisch
Und die Auswahl ist ja auch nicht nur exotisch oder abseitig. Stefan Puchers «Handlungsreisender» aus Zürich, Roger Vontobels «Don Carlos» aus Dresden, die beiden Inszenierungen aus Köln – das ist alles opulentes Theater und großes Schauspiel.

THAber Dauerabonnenten des Theatertreffens wie Thalia Theater, Deutsches Theater oder Münch­ner Kammerspiele fehlen doch eindeutig.

Boenisch
Auch dort haben wir viel gesehen, auch manches sehr Gute – was sich aber letztlich in der Konkurrenz nicht durchsetzen konnte.

THFrüher galten die kleineren Theater oft als nicht vorzeigbar in Berlin, weil das Publikum hier so verwöhnt durch tolle Schauspieler sei, deren Niveau die kleineren Häuser nicht erreichen könn­ten. Da scheint sich was geändert zu haben.

Wahl
Abgesehen davon, dass wir – was die Auswahl ja zeigt – tatsächlich viele gute Abende an kleineren Häusern gesehen haben, muss man bei den Fritsch-Inszenierungen aus Schwerin und Oberhausen natürlich zugeben, dass so ein radikal formalisierter Zugriff diesen Unterschied auch ganz gut ausgleicht. Fritsch ist da wahrscheinlich schon ein spezieller Fall: Er kann Schauspieler offenbar so anstacheln, das sie neben der Spielintelligenz auch einen ungeheuren Spaß entwickeln.

THZweimal derselbe Regisseur. Was hat Sie zu dieser Entscheidung bewogen?

WahlWir fanden, dass beide Stücke einen sehr konsequenten Zugriff und trotzdem eine unterschiedliche Handschrift tragen. Nora ist bei Fritsch die postfeministischste Erscheinung der Saison, und der «Biberpelz» ist bar jeder Sozialromantik: Man sieht ein Tableau vivant von Neid, Wollust, Habsucht und den übrigen Todsünden.



Eva Behrendt, Barbara Burckhardt / Theaterheute / Seite 12 / Mai 2011

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