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Theater China

'Look to the money!'
– aber nicht nur. Shanghai gilt vielen als «Messestadt» ohne originäre Kreativität, ist aber zugleich aufregende Ausbil­dungsstätte und Zukunftslabor für Künstler. Eine Theaterreise in die asiatische Boomtown

Der erste Eindruck ist überwältigend: der Transrapid, der mit kaum gefühltem Tempo 430 ins Zentrum gleitet; Schnellstraßen, die in mehreren Etagen überein­ander die Stadt durchschneiden; die glitzernden Fassaden von ein paar hundert der insgesamt 4.000 Wolkenkratzer rechts und links der Highways; grellbunte Werbeblöcke als 24-Stunden-Service vom Taxi-Fernsehen bis zu den gewaltigen Projektionsflächen an Kreuzungen und Häuserfronten der City; die «schwebenden» Brückenkonstruktionen über den Huangpu; schließlich die spektakuläre Skyscraper-Skyline, Flaggschiff des neuen Wirtschafts- und Hightech-Standorts Shanghai-Pudong – früher ein sumpfiges Reisanbaugebiet mit heute atemberaubendem Wirtschaftswachstum.


So sieht die Zukunft aus

Die Architektur ist das sichtbarste Phänomen des rasanten Wandels dieser seit jeher kosmopolitischsten Stadt Chinas auf dem Weg zur Metropole des 21. Jahrhunderts. Paris Hilton hat es bei den MTV-Style-Awards 2007 auf den Punkt gebracht: «Shanghai looks like the future.» Allerdings wusste der Spindoctor, der ihr diese Worte in den Mund legte, sicher nicht, wie viel schneller in der Turbo-Kapitale Shanghai auch die Zukunft manchmal Vergangenheit werden kann als anderswo. Denn damals bereits saß der Erfinder dieser «Zukunft», Parteisekretär und Politbüromitglied Chen Liangyu, wegen Korrup­tion im Gefängnis, mitsamt seiner einst so mächtigen «Shanghai-Clique». Ihm ist – neben der Formel-1-Rennstrecke und der Expo – die spektakuläre Kulisse Pudongs zu verdanken: im Zentrum der rosa-violett changierende Oriental Pearl Tower, Asiens höchster Fernsehturm, daneben der asiatisch inspirierte Jin Mao Tower und der «Flaschenöffner», das fast 500 m hohe Shanghai World Financial Center, umgeben von Shoppingmalls, Bürotürmen, Hotel- und Kulturpalästen.

Kitschige Ausgeburt einer überdimensionierten Photoshop-Fantasie? Durch die Weltwirtschaftskrise als Symbol eines technologisch-kapitalistischen Fortschrittsoptimismus chinesischer Prägung schon fast wieder obsolet geworden, ist die Pudong-Skyline in den Augen mancher Kritiker nichts als eine ins Extreme getriebene Travestie überkommenen westlichen Herrschaftsdenkens – die einst so glamourösen Prachtbauten des Kolonialzeitalters, direkt gegenüber am Bund, lassen grüßen und wirken von hier aus ziemlich mickrig.

Auf Chinesisch werden die Begriffe «Zukunft» und «Geld» – obgleich etymologisch völlig verschiedene Wörter – übrigens beide wie «qian» (= tjan) ausgesprochen, wodurch der alte Politslogan «Look to the future!» im Volksmund zum sehr viel populäreren, nach Deng Xiaopings «südlicher Inspektionsreise» 1992 auch politisch abgesegneten «Look to the money!» abgewandelt wurde.

Dies lernen wir durch Chefinspektor Chen, den Protagonisten von Qiu Xialongs bisher sechs Shanghai-Krimis, die als exzellente Vorbereitungslektüre einer Shanghai-Reise zu empfehlen sind. Qiu, der 1988 (!) von einem Aufenthalt in den USA nicht mehr nach China zurückkehrte, lehrt heute an der Universität von St. Louis und beschreibt aus dem «Exil» die soziale Entwicklung seiner alten Heimatstadt seit den 90er Jahren. Qius Bücher konnten in China bisher nicht erscheinen, in den englischen Buchhandlungen Shanghais allerdings liegt der neueste, noch nicht ins Deutsche übersetzte «Mao case» stapelweise zum Verkauf. Qius Alter Ego Chen ist nicht nur Polizist und Parteimitglied mit besten Beziehungen nach Beijing, sondern vor allem Dichter und Lyrikübersetzer. Seine Fälle löst er philologisch, durch akribische Exegese der faktischen Realität. Weder Rebell noch Opportunist, eher Nonkonformist und Gentleman, zeigt er uns, wie Shanghai tickt, wie hier gelebt, geliebt, gegessen und vor allem gedacht wird, wie die sozialen Netzwerke funktionieren. Und er führt uns in die historischen Stadtteile, die Parks, die Li Long-Gassenhäuser mit ihren «Wohngemeinschaften», die Amtsstuben, Massagesalons und Garküchen.

Trotz 20 Millionen Einwohnern ist Shanghai nicht nur Megacity und Boomtown, sondern auch eine Kulturstadt mit ehrgeizigem Programm. Museen, Skulpturenparks, Konzerthallen sind auffällige Marksteine im öffentlichen Raum, von hochkarätigen Weltstars und -Ensembles bespielt, es gibt internationale Kunst-, Literatur-, Filmfestivals, Kunstmessen. Repräsentationskultur, die zum Glanz der Metropole beitragen soll. Als kulturelle «Messestadt», die nichts Eigenes hervorbringe, wird Shanghai deshalb immer wieder bezeichnet. Daneben existiert allerdings eine vielfältige, äußerst lebendige Kunst- und Kulturszene, von der man noch nicht weiß, wohin sie sich entwickeln wird im Zeichen der staatlich gesetzten «Kulturindustrie»-Politik, die Kunst und Markt zusammenbringen und auf Weltniveau pushen will, gleichzeitig massiv die Privatisierung bisher noch teilsubventionierter Institutionen betreibt. Jedenfalls arbeiten in den zahllosen Galerien, Verlagen, Theatern, Kulturcafés Künstler und In-tellektuelle aus dem In- und Ausland unermüdlich an Projekten und Initiativen. So als sei das «Laboratorium der chinesischen Moderne» (Mark Siemons), das Shanghai in den dreißiger Jahren einmal war, im globalisierten Kontext modifiziert wieder aufgelebt.



Sabine Heymann / Theaterheute / Seite 14 / Dezember 2009

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