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Theaterland NRW

Jammern war gestern
Foto: Franz Wille
Die Finanznöte in NRW zwingen Theater und Kommunen dazu, vieles neu zu denken. Das kann sogar Spaß machen. Ein Gespäch mit dem Dortmunder Kulturdezernenten und Stadtkämmerer Jörg Stüdemann und dem Oberhausener Intendanten Peter Carp.

Theater heuteHerr Stüdemann, Sie verkörpern eine interessante und seltene Personalunion: Sie sind in Dortmund gleichzeitig Kulturdezernent und Kämmerer. Wie geht das überhaupt?

Jörg StüdemannGanz gut, und ich mache das ja auch schon länger. Auch in Dresden war ich neben meinem Job als Kulturdezernent stellvertretender Kämmerer, und in Dortmund bin ich in meinem Dezernat ja auch Geschäftsführer eines Bereichs mit 500 Mitarbeitern, der den Zoo, den Westfalenpark, die Park- und Gartenanlagen und den Grünpflegebereich umfasst, die als Eigenbetriebe organisiert sind. Wirtschaftspläne, Jahresabschlüsse und Bilanzen sind mir also nicht ganz unvertraut. Die Doppelfunktion hat den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass ich keinem Kämmerer erklären muss, was ein A-Orchester ist, wie ein Theater funktioniert und warum ein Museum einen Kustoden benötigt. Das ganze tragische Spiel trage ich mit mir selbst aus, und wenn ich in der einen oder anderen Funktion versage, kann ich die Vorwürfe an mich selbst richten.

THWie sehr kommen sich denn diese beiden Funktionen in der momentanen finanziellen Situation der Stadt Dortmund in die Quere? Der Kämmerer muss doch vermutlich zur Zeit ziemlich streng mit dem Dezernenten umgehen?

StüdemannDortmund ist eine Stadt mit einer hohen sozialen Ausgangsbelastung. Nach den wirtschaftlichen Umbauprozessen der 70er, 80er und auch noch der 90er Jahre ist die Arbeitslosigkeit mit zur Zeit 13 Prozent immens hoch. Seit die Finanzkrise vor 14, 15 Monaten einsetzte, haben wir einen Verlust von gut 200 Millionen Euro im Haushalt erleben müssen: einerseits ca. 70 Millionen Mehrausgaben durch steigende Arbeitslosigkeit und im Bereich der Jugendhilfe, andererseits ca. 130 Millionen Mindereinnahmen bei der Gewerbesteuer und Einkommenssteuer. Das ist fast ein Siebtel des Gesamtvolumens unseres Haushalts. Und wir hatten ohnehin in den letzten Jahren immer eine strukturelle Unterfinanzierung von 40 bis 60 Millionen, die viel mit der sukzessiven Verlagerung von sozialen Ausgaben auf die Städte durch den Gesetzgeber zu tun hat, für die es keinen finanziellen Ausgleich gab. Im Kitabereich etwa, in der Se­nioren- oder Behindertenpolitik gab es neue Regelungen, die die Kommunen zu tragen haben. Dazu kamen die allseits bekannten Belastungen aus Hartz IV. So stehen wir ziemlich belämmert in der Landschaft.

THUnd wie kann man sich da helfen?

StüdemannEinerseits natürlich durch dramatisches Kürzen, andererseits durch dramatische Appelle, Interventionen und Protestaktionen, um Bund und Land zu einer stärkeren finanziellen Unterstützung von Städten und Gemeinden aufzufordern. Denn unabhängig von Parteibüchern hat dieser Zustand mittlerweile 80 Prozent der NRW-Kommunen erreicht. Ein Großteil davon ist überschuldet. Davon ist Dortmund gottlob noch entfernt, unser Vermögensbestand ist hoch und unsere Schuldenlast ärgerlich, aber noch nicht so überdramatisch wie etwa in Hagen, Essen, Gelsenkirchen, Wuppertal oder Oberhausen.

THSie gehören noch nicht zu den Nothaushalten, die bei jeder Ausgabe den Regierungspräsidenten befragen müssen?

StüdemannNein. Wir sind im Moment in der haushaltlosen Zeit, wir dürfen Geld ausgeben für sogenannte «unabweisbare Ausgaben» und für Fortführungsmaßnahmen, alles andere muss in der Tat mit der Bezirksregierung besprochen werden. Bei der Kultur sorge ich dafür, dass sie nicht überproportional sparen muss, sie ist proportional wie die Jugendhilfe oder die Sozialverwaltung herangezogen worden. Wir haben die Grund- und die Gewerbesteuer erhöht; jeder Hausbesitzer in Dortmund merkt, in welcher Konstellation wir stecken. Der Kürzungsanteil für die Kultur liegt so bei 3 bis 4 Prozent, in anderen Städten wurden 30 Prozent ausgerufen, um dann nach viel Hauen und Stechen doch bei 4 oder 5 Prozent zu landen. Das ist der Vorteil meiner Doppelfunktion: Ich kann die Möglichkeiten für vertretbare Einsparungen einschätzen. Dass in den Kulturfinanzierungen die Theater und Orchester eine besondere Rolle spielen, ist klar, weil sie in den Kommunen zwischen 40 bis 60 Prozent des Kulturetats binden.

THWie hoch ist der öffentliche Zuschuss zu Theater und Oper in Dortmund?

StüdemannDer liegt mit dem Landesfinanzierungsanteil seit mehreren Jahren bei 31

Das «Theaterland Nordrhein-Westfalen» ist Schwerpunkt-Thema der Juli-Ausgabe von «Theater heute».

Zum Thema: Martin Krumbholz hat eine Reportagereise durch die gefährdete Theaterlandschaft NRW gemacht, Cecilia Gläsker und Sonja Rothweiler haben urbane Landschaften fotografisch in Szene gesetzt.

Beides nachzuschauen und nachzulesen in der gedruckten Ausgabe, die Sie zum Beispiel hier in unserem Shop bestellen können.

Millionen, wobei wir verschiedene Etappen von Tarifsteigerungen, auch in den künstlerischen Berufen, auffangen mussten. Das hat dazu geführt, dass Konzerte reduziert werden mussten, ein paar Musikerstellen nicht mehr besetzt worden sind. Glücklicherweise hat die Wirtschaft sich an dieser Stelle engagiert und finanziert jetzt so genannte Bürgerkonzerte. In der Oper gibt es ein bis zwei Premieren pro Saison weniger. Im Schauspiel haben wir das auch versucht, bis Kay Voges kam und im Elan des Anfangs 16 statt 12 Premieren geplant hat, mal sehen, wie dieser Parforceritt der ersten Saison gelingt. Die Eintrittspreise sind etwas erhöht worden, und wir haben bei Verwaltung und Technik den Personalbestand ein bisschen reduziert.

THEs wird also keine Sparte geschlossen, der Repertoire- und Ensemble-Betrieb nicht in Frage gestellt?

StüdemannNein. Es gibt ja keine Akzeptanzkrise beim Publikum. Es gibt eine Finanzkrise. Die muss man durchstehen, in guter Solidarität zwischen den Ressorts. Wir streichen ja auch kein Krankenhaus zur Hälfte oder schließen die Stadtbahnbauabteilung. Wir werden noch drei bis fünf Jahre mit den Folgen dieser Krise zu kämpfen haben, es wird auch Spätfolgen geben, aber es bahnt sich ja doch Besse­rung an. Dramatische Einschnitte in Strukturen scheinen mir zumindest in Dortmund nicht angebracht.



Barbara Burckhardt, Franz Wille / Theaterheute / Seite 12 / Juli 2010

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