Donnerstag ist "Was-guckst-du-Tag" mit Reinhard Wengierek in seiner Online-Kolumne für "Theater heute". Diese Woche guckt Wengierek panamerikanische Völkerverständigung an der Berliner Schaubühne und liest eine neue Ernst Busch-Biographie.
Schwer verrutschte Herrenunterhosen samt Inhalt. Nicht etwa im Berghain-Beton, sondern in der Beton-Apsis der Berliner Schaubühne. Zwei dampfende Kerle, zunächst noch im Slip, dann ohne, im Clinch miteinander. Und mit je einer E-Gitarre, die sie malträtieren, als wollten sie mit dem Krach die Welt in die Luft jagen. Auf der sie sich wälzen, als wollten sie alle Welt besamen.
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Juan Loriente und Juan Navarro im Testosteron-Tsunami als zwei in ihrer Einsamkeit aneinander klebende Cowboys. Im geilen Glücksrausch. In himmelstürmerischem Entgrenzungswahn. In archaischer Wut auf alle nur denkbaren irdischen Daseinsbegrenzungen. Die sie dann Kaugummi-philosophisch durch den Kakao ziehen. Nach dem Toben. Lässig in Liegestühlen lümmelnd als schicke Youngster im feinen Dress, mit Hut und Sonnenbrille. ‑ Eine tolle Theaterstunde von Rodrigo Garcia aus Argentinien. Seine Performance „Tod und Wiedergeburt als Cowboy“ eröffnete das 10. Schaubühnen-„Festival für Internationale Neue Dramatik“ (F.I.N.D.).
Dieser argentinische Anfang war in seiner exzessiven Universalität auch schon Höhepunkt der auf Südamerikas Neudramatik konzentrierten Festival-Woche. Was sonst noch an Gastspielen und szenischen Lesungen lief, entpuppte sich als Allerlei ziemlich angestrengt verkunsteter, ins Unklar-Poetische gedrechselter Aktionen. Das verwirrte, befremdete, langweilte mehr, als dass es uns – wie angesagt ‑ aufklärte über transatlantische Verhältnisse. Oder gar ergriff. Da sind journalistische Medien hilfreicher. Aber immerhin: Die Bude war voll, die Stimmung prima wie auch die privat praktizierte Völkerverständigung.
Doch rechtfertigt ein „Immerhin“ solch kostspielige Blicke übern Tellerrand? Die mobilen Kunst-Aktivisten von heutzutage sind ohnehin im Bilde, was wie anderswo läuft. Und das Publikum hierzulande weiß prinzipiell Bescheid selbst um entfernte Konfliktlagen. Doch allein von deren signifikanten Darstellung wird es gepackt. Artifizielle, obendrein hinlänglich bekannte Fingerübungen laufen da, höflich bejubelt, bedeutungsbeflissen ins Leere.
R.W., Sachse, Jahrgang 1949. Studium der Journalistik und Theaterwissenschaft an der Uni Leipzig, daraufhin Berlin: Redakteur im FDJ-Verlag «Junge Welt», dann Tellerwäscher (Nachtbar «Lindencorso»), Pförtner (Deutsches Theater), Kinobetreiber («Sputnik» Wilhelmsruh); Schreiber für «Filmspiegel», «Sonntag», «Weltbühne»; Theater-Korrespondent der Dresdner Tageszeitung «Die Union». 1981-1990 Pressearbeit für die beiden Kleinverlage «Union» und «Koehler & Amelang». Dann Theater-Redakteur für «Neue Zeit»; von 1995 bis 2009 für «Die Welt».
F.I.N.D. sowie adäquate Veranstaltungen sind politisch korrekt und beflügeln jedes Dramaturgen-Ego. Ihr Mehrwert für den Zuschauer aber steht in keinem Verhältnis zum Aufwand. In Zeiten des Reichtums sind sie schöne Zugabe, ansonsten entbehrlich. Sie verbrauchen zu viel und geben zu wenig. ‑ Mit mulmigem Gefühl denke ich an das bevorstehende Mammut-Fest
„Theater der Welt“ im Notstands-Ruhrgebiet, für das vier Millionen Euro berappt werden, derweil die lokale Theaterszene wegen Geldmangels ausblutet.
„Du bist ein blöder SED-Otto“, lästerte „Volksschauspieler“ Hans Albers über „Volksschauspieler“
Ernst Busch. Brecht war es, der einst den beiden ‑ immerhin als einzigen! – jenen höchst ehrenwerten Titel zugestand. Doch was da der Albers seinem Kollegen Busch entgegen schmetterte, hätte er auch Brecht zurufen können, der als Herbeischreiber des Kommunismus, den linke Opportunisten ersticken, gleichfalls in der SED-Klemme steckte. Wie der berühmt berüchtigte Sänger des revolutionären Proletariats („Die Partei, die Partei, die hat immer recht“). Und beide, Busch wie Brecht, beschwiegen verbissen den DDR-Stalinismus, unter dem man hübsche Privilegien genoss und schwer litt. B.B. bis zum Herzinfarkt 1956. Sein Freund Busch, der Antifa- und „Spaniens Himmel“-Rhapsode hingegen erlebte das beständig weiter wuchernde Elend der Diktatur noch bis in Honeckers Zeiten. Er starb, ohne ernstlich aufzumucken, 1980, was ihm noch einen netten späten Ruhm als westdeutsche APO-Pop-Ikone bescherte.
Über Ernstl Busch, Jahrgang 1900, über diese klassisch kommunistisch-zwielichtige Großkünstlerfigur schrieb
Jochen Voit die 500-Seiten-Biografie
„Er rührte an den Schlaf der Welt“; erscheint in vier Tagen bei Aufbau. Ich guckte vorab: Sensationell! Große Oper und absurdes Kabarett – aus Tatsachen gebaut. Muss man lesen in einem Ruck, diesen Kunst- und Polit-Thriller. Diese Tragödie eines genialen Gutmenschen, der so böse wie blind war.
Bis nächsten Donnerstag Ihr