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Fremd bin ich
Foto: Foto: G. Huengsberg
Elfriede Jelinek wurde für ihr Stück «Winterreise» mit dem diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet – eine Dankesrede.

Irgendwas kommt in meinen Stücken immer beredt zum Ausdruck, aber wer beredet da was und wie? In meiner «Winterreise» wird vor dieser Sprechenden hier die Landschaft vorbei­gezogen. Eine spricht im Stillstand. Aufgrund einer Angst-Erkrankung bin ich nicht imstande, diesen Preis, über den ich mich sehr freue, persönlich entgegenzunehmen, und leider – das beschreibe ich ja – kann ich auch am Leben kaum je teilnehmen. Es ist also eine Reise im Stehen, nicht einmal im Warten, denn wenn man wartet, kommt ja möglicherweise noch mal was daher. Gehen ist schon zu viel, man könnte sagen, es ist ein Verloren­gehen, ohne sich von der Stelle zu rühren. Der Leiermann steht barfuß auf dem Eis, und irgendwann wird die Wärme seiner Füße ihn durch das von seiner letzten Lebenswärme geschmolzene Eis brechen lassen, ähnlich wie die verlassenen ehemaligen DDR-Grenzhunde, die Marie-Luise Scherer in einer ihrer literarischen Reportagen beschreibt. Keiner kümmert sich mehr um die Tiere, die Grenze, die sie zu bewachen hatten, ist verschwunden, und sie rennen in ihrer Verstörung, so weit ihre Kette reicht, im Kreis, bis die Wärme ihrer Pfoten das Eis an dieser Stelle geschmolzen hat und sie in einem kreisrunden Klumpen aus kalter Gallerte versinken und ertrinken.

Was erfährt man im Stillstand? Das, was man von seinem Stand­ort aus ringsherum sehen kann? Das, was man schon weiß? Kann man es sagen, wenn man nicht mehr vom Fleck kommt? Wenn es keinen Ausweg aus dem Stillstand gibt, kann man höchstens noch das Vergessen erfahren, aber darüber hat man keine Gewalt. Macht hat man sowieso keine. Ist der Stillstand schon ein Nach-Hause-Kommen? Ist man angekommen, oder kann man noch hoffen wegzukommen? Ich glaube, gerade in diesem Stillstehen, aus dem heraus ich schreibe, sind da vielleicht Wurzeln, die mich auf und an der Stelle festhalten, wie sie jeder merkt, wenn er versucht, von dem Ort weg­zu­kommen, den er sein Zuhause nennt. Die «Winterreise», die ich früher oft begleitet habe – ich glaube, kein Werk der Kunst hat mir je mehr bedeutet – aber was sage ich da?, ich hätte eine Reise begleitet, die schon aus Prinzip immer unbegleitet sein muss?, ich habe sie natürlich bloß auf dem Klavier begleitet, die «Winterreise» Wilhelm Müller/ Franz Schuberts also ist ja ein Werk der Heimatlosigkeit, aus der man nicht aufbricht und in die man nicht zurückkehrt. Der Text eines Deserteurs (der Müller war), den die «Krähen», diese wunderlichen Tiere, die Spitzel, die den ausspionieren, der sich unerlaubt von der Truppe entfernt hat, verfolgen, der Text eines Dichters, Wilhelm Müller, der aber wiederum der Träger für die Musik ist, das Gerüst, etwas, das die Musik hält und von der Musik gehalten wird, die ja ein Fortschreiten in der Zeit ist, auch so ein Fortschreiten im Stehenbleiben, der Sänger steht, der Begleiter sitzt, sie rühren sich nicht vom Fleck, das Klavier ist schwer, wenn man es bewegen will, während die Musik es ist, welche die Menschen bewegt, das ist einfacher, die innere Bewegung ist einfacher als die äußere, das muss ich mir zumindest einreden, da es ein Außen für mich ja nur selten gibt, ja, also, was wollte ich gleich noch sagen?, ich hätte es auch gleich sagen können: Dieser Text eines Deserteurs also, der zu seinem Liebchen will, denkt seine eigene Heimatlosigkeit vor sich hin. Er geht, um von der Truppe, zu der er gehört, wegzukommen. Er geht nicht, um irgendwohin zu kommen, er geht, um fortzukommen. Und er ist dabei in sich selbst vergessen. Weil er sich selbst auch vergessen hat?

Da steht einer, ja, ich stehe auch da, und die Welt zieht vorbei, das Geschick an einer Ungeschickten, könnte man sagen. Und wenn man sich nicht bewegen kann, muss man sich selbst zu seinem eigenen Schicksal machen, nicht erklären, das wäre ja schon eine Proklamation!, man muss zu seinem Schicksal machen, dass man nicht weg kann, und man muss diesen Augenblick ausdehnen, macht nichts, man hat ja endlos Zeit, denn wo andre gehen, bleibt man stehen, und in der passiven Bewegung, im Nichtstun, arbeitet das Wasser, schmilzt alles unter einem weg. Alles geht, nur man selber nicht. Man wohnt in der Nähe, und diese Nähe ist nur man selber, den es umtreibt wie Wind oder Rauch, ohne dass man sich bewegen könnte.



Elfriede Jelinek / Theaterheute / Seite 60 / August/September 2011

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