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Buch

Schleef ist das All, und alle sind gegen Schleef
Selbstverneinung, Selbstverherrlichung

Abschließend lässt sich sagen: In den fünf broschierten Suhrkamp-Bänden ist einerseits viel los, die deutsche Geschichte, die deutsche Theatergeschichte, die deutsch-deutsche natürlich, die doppeldeutsche. Jedes Bücherregal wird schwach unter dieser Last. Anderer seits aber passiert überhaupt nichts. Am 25. August 1962 notiert der achtzehnjährige Schleef in Sangerhausen: «Sonnabend im Bett ... Bisher war mein Leben eine einzige Enttäuschung.» So sieht das aus im ersten Band: Sonnabend im Bett, dann Baden, «füge mich nicht ins Kollektiv», «Helmut ohne Hose gemalt», Leiden an «Wollust» und «unreinen Gefühlen», das Leben eine Enttäuschung.

Im Jahr 2001 sind die Berichtsgegenstände für den Siebenundfünfzigjährigen dieselben geblieben: Lieber im Bett bleiben, schwimmen gehen in der Donau ohne Hose, dabei anderen Männern wie notgeil in den Schritt starren, fremd in der Welt, das Leben eine einzige Zumutung. «2.7.62. Es geht so lala. Ob das Leben einmal besser wird?» So betrachtet – leider nein.

Band Vier umfasst die siebzehn Jahre von 1981 bis 1997 und leidet, wie man beim zwanghaft an Körperfunktionen sich klammernden Schleef sagen muss, an schwerer Verstopfung. Eigentliche Tagebucheinträge gibt es kaum, und die Herausgeber füllen mit Interviews, Programmzetteln und von Schleef wieder und wieder bearbeitetem und kommentiertem Material auf. Das lässt sich rechtfertigen, schon das Tagebuchkonvolut war zur Veröffentlichung bestimmt, war sorgfältig kontrollierter Exhibitionismus, Selbststilisierung, und ist vom Autor selbst immer wieder ausgeweidet und neu ausgekleidet worden.

Aber das Übermaß an doppelt und dreifach Verdautem verleidet einem das Lesen, und man verliert den ursprünglichen Schreibantrieb aus dem Blick. In Band Fünf, 1999–2001, ist dann alles wieder im Fluss. Der Leser weiß, was Schleef zwar oft zu ahnen behauptete, aber nicht wissen konnte: Der Tod des Autors ist nah. Das verleiht diesen Aufzeichnungen einen schaurigen Sog.

Schleef ist wehrlos. Er kennt keine Grenzen. Wenn er liest, liest er ganz: «... jedes Bild der Reimann in ihrem TAGEBUCH sehe ich, rieche ich, ... sehe ihren Tisch, ihr Haar, alles. Alles ist darum Jetzt ...» Alles ist zu viel, aber weniger geht nicht. Und alles bezieht sich auf ihn. Als die russische Raumstation MIR über Wien abzustürzen droht, notiert er: «Es fällt was vom Himmel direkt in meine Josefstädter, mitten auf die Schönborngasse, direkt ins Bett.» Als er ein Computer­problem lösen will, wird die Ichbezogenheit Komödie. Zu wenig Arbeitsspeicher, meldet das Gerät. Schleef reagiert: «Inzwischen drama­tische Entwicklung, ich will nicht nachgeben, lösche auf der Festplatte alle Dateien, die ein ICH enthalten, die einfachste Methode mehr Speicher zu kriegen ...»

Als Alexander Kluge ihn interviewt und er Egon Krenz die Hand schütteln muss, fühlt er sich geradezu vergewaltigt. Das Gefühl der Bedrängung ist ungeheuer; er kehrt es um, indem er es mit der Sprache so groß macht, dass er uns damit bedrängt und wir wie erschlagen unter seinen Texten liegen. Sein Genie ist, groß und klein so zu verschweißen (immer schwitzt er!), dass man beides nicht mehr auseinander bekommt. Er stammt aus kleinsten Verhältnissen und hat es bis zum «Faust»-Regisseur in der Goethestadt Frankfurt geschafft. Die Spannung muss ausgehalten werden.

Er führt eine Auseinandersetzung mit dem Goethe-Professor Schöne über Rechtschreibung in Goethe-Editionen. Suhrkamp bittet ihn aus politischen Gründen, darauf in «Droge Faust Parsifal» nicht einzugehen. Er ist erbittert und stürzt sich aus dieser Erbitterung in eine seiten­lange Erzählung von erniedrigenden Gängen mit der greisen Mutter in die Sparkasse Sangerhausen. Goethe allein geht nicht, das Kleine muss damit verknüpft bleiben, muss siegen.

16.7.2000: «Zwischen den Fronten, unentschieden, das bin ich, verblutend passe ich nirgends dazu, dies halte ich, bis mein letztes Blut ausläuft, in starrem Irrsinn für einen Vorzug, für meine Auszeichnung, kein Mitmacher gewesen zu sein, töricht, mit der Binde vor den Augen, irgendein solch ekelerhabenes Leben zu fristen, zu führen, ist übertrieben.» Das sind Selbstverherrlichung und -verneinung in einem Satz.

 



Robin Detje / Theaterheute / Seite 36 / Mai 2009

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