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Stück des Monats

Wo die Kraniche ziehen
Szenenbild aus «We are blood» von Fritz Kater; Foto: Marcus Lieberenz / Bildbuehne.de
Eine dramatisch-soziologische Recherche: das Projekt «Über Leben im Umbruch» in Wittenberge und drei inspirierte neue Stücke am Berliner Gorki Theater: Fritz Katers «we are blood», Philipp Löhles «Die Überflüssigen» und Juliane Kanns «Fieber»

Manchmal genügt ein Satz, um zu wissen, wann und wo ein Stück spielt. «Es wird nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wird», meint die Kreisleitung. Damit wäre alles gesagt über die späte DDR und ihren Untergang: ein Staat, der sich nicht um die Wünsche seiner Bürger schert, sondern diese im Gegenteil autoritär dazu verdonnert, den Mangel zum Wunsch zu erklären.

«we are blood» beginnt im Sommer 1985 in einer idyllischen brandenburgischen Landschaft mit einer munter-rustikalen Funktionärsszene, wie sie dem jungen Heiner Müller aus der Feder hätte fließen können. Stellvertretender Minister schickt seinen alten Kumpel und Chefingenieur beim fröhlichen Datschenwochenende zur Großbaustelle ins Ausland, während dessen Freundin sich gerade aufs Kind freut. Und noch bevor der Konflikt zwischen Politik und Privat richtig aufwallt, geht am Horizont ein Kernkraftwerk hoch, das die DDR tatsächlich gebaut hätte, wenn sie nur alt genug geworden wäre: ein Reaktor vom bewährten Tschernobyl-Typ. Man wird Fritz Kater alias Armin Petras keinesfalls unterstellen können, dass er die alte DDR schönschreibt oder sich ostalgisch der Vergangenheit an den Hals kitscht. Aber man wird ihm auch nicht vorwerfen können, dass er die Geschichte der letzten 25 Jahre als Fortschritt betrachtet. Denn nach dem ersten Teil folgt ein steiler Sprung in die holprige Gegenwart am gleichen Ort. Vom Personal sind nur die Schauspieler in neuen Rollen und die ehedem schwangere Yves geblieben, die sich nach mehreren Umschulungen nun als ungelernte Krankenschwester mit anderen Unfällen herumschlägt.

Yves pflegt den 16-jährigen Justin, der – Reak­torspätfolge? – unheilbar an Krebs erkrankt ist und für sein kurzes Restleben gern einmal mit einer Frau schlafen möchte; außerdem den jungen Beni, der bei einem Ausweichmanöver sein geliebtes Auto und fast auch sich selbst zu Schrott gefahren hätte. Dessen Schwester Lisa, als erfolgreiche Personalberaterin längst im Westen angekommen, kehrt nun zurück und steht sofort erotisch und ideell zwischen zwei alten Freunden. Der eine kümmert sich als bockig-radikalvegetarischer Naturschützer um den Zug- und Symbolvogel des Stücks, den Kranich; der andere hat immer einen guten neoliberalen Sinnspruch auf der Zunge, pflegt skrupellos seine verlogene Erfolgskarriere und sein Bauprojekt, das just den Kranichen der Gegend den Garaus machen wird. Perspektiven sehen anders aus.


Fritz Kater radikalisiert sich

«we are blood» ist nach «Heaven» (abgedruckt in TH 10/2007) ein weiteres Kater-Drama über das Ankommen im für viele immer noch neuen Deutschland. In den letzten drei Jahren hat sich sein Blick auf die Welt durchaus verändert – allerdings nicht zum Besseren. Zwar war auch im Vorgänger-Stück ein beeindruckendes Panorama an Postwende-Verlierern aufmarschiert, zwar gab es auch dort einen narzisstischen Stadtplaner, aber zumindest inszenatorisch regierte ausgleichen­de Gerechtigkeit. Irgendwann hatte jeder seine Depression ausgeschlürft und wurde zum souveränen Komiker seines Scheiterns. Selbst die suizidgefährdete Simone packte am Ende ihren alten Kumpel und eine Flasche Sekt, um auf ihren dicken Bauch und ein neues Leben anzustoßen. Und der fiese Architekt verröchelte unter seinen unerträglichen Schwadronaden. Damit ließ sich weiterplanen.

Solcher Trost ist inzwischen abhanden gekommen, vor allem seitens der Regie. Armin Petras hat ersichtlich keine Lust oder Kraft mehr, Fritz Kater aufzuheitern – oder ihm auch nur neugierig zuzuhören. Die Urteile über die Figuren fallen immer schnell, meist abschätzig und werden auch in knapp vier Stunden Spieldauer nur ausnahmsweise um ein paar Millimeter revidiert. Die beiden männlichen Alternativen werden flach abserviert. Carlo Ljubek zieht Naturschützer Rafael eine tranige Betroffenheitsmiene über und schlurft makrobiotisch durchs Bild. Seinen Gegenpart Tom badet Max Simonischek in allen Was­sern rücksichtsloser Durchsetzungs-Verlogenheit. Figuren im Mittelgrund werden im steril-weißen Bühnenkasten (Susanne Schuboth) als Steckbriefe an die Wand genagelt: Richter Schlicht von Christian Kuchenbuch als klemmschüchterner Schnösel abgetan, Chirurg Zwerenz von Peter Kurth als OP-Berserker geschlachtet, der seinen Opfern merkwürdig steinzeitliche Gummitiere aus den Körpern pult.

Selbst die deutlich lebensklügeren Frauen sind nur bedingt fortschrittstauglich. Julischka Eichel taut ihre Lisa zwar von der eiskalten Berater-Schnepfe zur schwesterlichen Stütze auf, wirft sich aber sonst mit Anlauf jedem alten Freund an den Hals, der stabil genug ist, nicht gleich umzufallen. Schließlich bleibt sie absehbar verlassen und müde sitzen. Sogar Yves, unbeugsame Ex-Journalistin und lakonischer Krankenengel – bei Kater ein pragmatisch-sympathischer Fels in den Zeitläuften – wird von Hilke Altefrohne als vornehmlich maulig-tranige Stationsschwester umrissen: vielleicht ein Zugewinn an Realismus, aber kein Grund zur Freude. Am vitalsten geraten noch die ausweglosen Fälle: Unfallopfer Beni (Matti Krause), dessen Genesung vom verbandsmumifizierten Vollpflegefall zum rechtsradikalen Waffenfetischisten führt, und vor allem Justin, den Regine Zimmermann mit darstellungsartistischer Kraft aus dem Schicksalsopfer in einen beeindruckend bösen Zwerg verwandelt: Dieser Todkranke weiß, dass man ihn um sein Leben betrogen hat, und er verbringt seine verbleibenden Tage als unerträgliche Nervensäge, damit es alle um ihn herum zu spüren bekommen. Kurz vor Schluss tanzen die Provinzler ein staksiges Ballett in ausgeleierten roten Strumpfhosen: alles Kraniche, denen die nächste Autobahn durch ihr Feuchtgebiet den Rest geben wird.


Über Leben im Umbruch: Wittenberge

Vielleicht liegt Armin Petras’ neue Schnödigkeit auch daran, dass Kater neurobiologisch dazugelernt und Wolf Singer gelesen hat. Jedenfalls vertritt Chefarzt Zwerenz, der Beni und Justin behandelt, die Meinung, dass «die ausbildung unserer hirnstruktur im wesentlichen von den erfahrungen in unserer kultur abhängt». Dem Professor scheint sogar «die autonome ich-erfahrung eine kulturelle konstruktion zu sein». Da stellt sich die gute alte urdialektische Frage, ob es ein richtiges Leben im falschen geben kann, natürlich nicht mehr. Wo der Mensch nur noch eine kulturelle Konstruktion ist, wird es im falschen nach einiger Zeit nur ein mindestens ebenso missratenes Leben geben. Ändern lässt sich dann nicht mehr viel an den Verhältnissen.

Diese sind schlimm genug, was inzwischen auch solide soziologisch dokumentiert wird. Zum Beispiel in Wittenberge, auf halbem Weg zwischen Hamburg und Berlin. Gut zwei Dutzend Ethnologen und Soziologen haben von 2007 bis 2009 in der einst stolzen Perle der DDR-Nähmaschinenproduktion («Veritas»!) Feldforschung betrieben. «Über Leben im Umbruch» heißt das Projekt unter Leitung von Heinz Bude, und sein Schauplatz ist gut gewählt. Nicht nur wegen der guten Bahnanbindung für die Wissenschaft: In den 20 Jahren seit der Wende haben sich die einst 40.000 Einwohner mehr als halbiert, denn bald nach ’89 schlossen drei von vier Großbetrieben, und 8000 Arbeitsplätze fielen weg. Selbst im Stadtkern ist hinter den vielen heruntergelassenen Rolladen oft schwer auszumachen, in welchem Haus noch Menschen wohnen. Wirklich überraschend sind die Ergebnisse nicht. Die Stadt vergreist und verhartzt. Die meistgenannten Wörter in den dokumentierten Gesprä­chen sind «damals» und «früher». Die wenigen Veränderungsgewinner – auch die gibt es – trennen sich scharf von den vielen Verlieren. Es herrsche «wechselseitige Vergleichgültigung», konsta­tiert Bude und spricht von einem «aufgesprengten Universum aus Zielstrebigen und Saturierten, Versackten und Verbitterten». Zukunft ist für große Teile der Bevölkerung keine verlockende Perspektive. Die meisten pflegen ihre Nischen und Zeitverzehr-Routinen, ihre Kleingärten und sonstigen Rückzugsreservate. Es herrschen «Prak­tiken der Verzögerung und Rituale des Vergessens, Träumereien der Wiederkehr, Haltungen der Verweigerung», vor allem mit dem Ziel, Zeit verstreichen zu lassen. Oft entstehe dabei der Eindruck des «Merkwürdigen, Verstiegenen und Sinnlosen»: «Die Leute können oft selbst nicht sagen, was das soll.» Klingt wie eine Inszenierung von Christoph Marthaler.



Franz Wille / Theaterheute / Seite 33 / Juli 2010

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