«Warteraum Zukunft» von Oliver Kluck, außerdem: neue Stücke von Felicia Zeller, Christoph Nußbaumeder und Lukas Bärfuss in Saarbrücken, Köln, Zürich und Recklinghausen
Man konnte wirklich leicht auf den Bluff reinfallen, so routiniert herzlich klang im Vorwort zu ihrem Stück «Der große Blöff/Entfernte Kusinen» der Danksagungston Felicia Zellers an ihre «Kusine Deborah Schnabel, die mir im Sommer 2006 die Aufzeichnungen zum Großen Blöff so freimütig überlassen hat»: auf «dreizehn beidseitig beschrifteten Zetteln» ein Dramenentwurf von «Carl (oder Hans?) Zuckmayer», «Skizzen zu einem Drama», die sie zum «Großen Blöff» «rekonstruiert und ergänzt» habe. Bis auf die Auswahlliste des bis dahin gänzlich unbekannten, aber ungemein wahrscheinlichen «Deutschen Projekt-Literatur-Innovationspreis 2010» habe das sensationelle Experiment es gebracht.
Carl Zuckmayer, verrät Wikipedia, Carl Zuckmayer verdiente mit seinem Durchbruchsstück «Der fröhliche Weinberg» 1925 im zarten Alter von 29 Jahren so viel Geld, dass er sich ein Haus am See bei Salzburg kaufen konnte. Sein größter Erfolg, die Hochstaplerkomödie «Der Hauptmann von Köpenick», brachte ihm sechs Jahre später gleich im ersten Jahr 160.000 Reichsmark ein, damals «das Höchsteinkommen eines Schwerstarbeiters», zitiert Felicia Zeller Wikipedia im «Großen Blöff». Heute wären das eine satte halbe Million Euro. Felicia Zeller wird vermutlich etwas mehr als ein Tausendstel davon einnehmen mit ihrem «Blöff», der sich selbstironisch hochstapelnd an den verblichenen Zuckmayer-Ruhm dranhängt: eine selbstreferenzielle Satire auf Schein und Sein, Aufmerksamkeitshascherei und Finanzdruck im Theatergewerbe.
Reich wird heute niemand mehr beim Stückeverfassen. Der Betrieb geht trotzdem unverdrossen weiter mit Stückaufträgen, Stückemärkten, Dramatiker-Workshops und Preisvergaben. Die Themen liegen ja auf der Straße bzw. unterm Wohnzimmersofa oder Büroschreibtisch, in der Kneipe oder direkt am Tatort Theater. Dort jedenfalls haben kürzlich neben Felicia Zeller auch Christoph Nußbaumeder, Lukas Bärfuss und Oliver Kluck auftragsgemäß ihre Recherchen betrieben und sind mehr oder weniger fündig geworden.
Erlebnispark Naturgewalten
Der Preis, der in Köln Christoph Nußbaumeder zum Stückwerk anstiftete, ist nagelneu: Der KunstSalon, eine Privatinitiative offenbar recht potenter Kölner Bürger zur Förderung von Kunst und Kultur, lobt neuerdings auch einen Autorenpreis von üppigen 15.000 Euro aus, um Dramatiker in die Lage zu versetzen, in aller Ruhe ein Stück fürs Schauspiel Köln zu schreiben. «Die Kunst des Fallens», die der Niederbayer in Köln ablieferte, wirkte trotzdem wie mit heißer Nadel gestrickt. Das Stück spielt weit weg vom Rhein in einem Biergarten an der Donau, einem Versammlungsort für ein zeitloses Panoptikum von kleinen Leuten, Losern, Unbehausten und Unbefriedigten, für die sich Nussbaumeder ganz in süddeutscher Horváth-, Sperr- oder Kroetz-Manier seit seinem ersten Stück «Mit dem Gurkenflieger in die Südsee» interessiert.
Diesmal verpflanzt er in die realistisch herzhafte Milieustudie in der von Umfunktionierung zum «Erlebnispark Naturgewalten» bedrohten «Felsenschänke» der raustimmig attraktiven Wirtin Moni (Ulli Maier) in Gestalt von Tochter Sigrid eine erotische Naturgewalt der surrealen Art, «Künstlerin» genannt. Eine Zuschreibung, die offenbar ausreicht, die schlichten Gemüter der bierseligen männlichen Kundschaft in einen Zustand haltloser Begierde zu versetzen.
Hinterm Biergarten droht ein Felsen, der zum Runterspringen einlädt. Thomas Dreißigacker lässt ihn zackig und flach an der Rückwand der Halle Kalk aufragen, eine Sperrholz-Behauptung von Bedrohlichkeit und lauernder Tragödie, die Katja Laukens zupackend typisierende Inszenierung so wenig einlösen kann wie Nußbaumeders Text, der sich spätestens zur Halbzeit vom pointenfreudigen den Leuten-aufs-Maul-Schauen verabschiedet. «Jetzt spür ich mich», schreit Nora von Waldstettens somnambul hysterische Sigrid mit dem glasigen Björk-Blick, als der Sommerregen pladdert. Das Rätsel aus Bosheit, Verführung, Verzweiflung, das sie anfangs wie eine Außerirdische durch den volksnah skurrilen Bierkosmos taumelte, endet in einer pathologischen Borderline-Studie mit halbgarem Psychotherapeutensprech zur Selbsterklärung.