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Medien/TV

Historisches Understatement
Fritz Kortner (links) in einer Nebenrolle im Kinofilm «Auf Messers Schneide», 1946.
Fritz Kortner liest aus seiner Autobiographie «Aller Tage Abend».
Im August letzten Jahres konnte der Bayerische Rundfunk mit einer kleinen Sensation aufwarten. Dort waren Bänder gefunden worden, auf denen Fritz Kortner Teile seiner 1959 veröffentlichten Autobiographie unmittelbar nach deren Erscheinen gelesen hatte. Fünf Stunden, von denen lediglich 40 Minuten damals gesendet wurden. Fünf Stunden, von denen so mancher von Kortner persönlich vorgetragener Satz die Zeitgenossen elektrisiert haben dürfte und mit dem scharfzüngigen Ton seiner Erinnerungen auch aufstörend gewirkt haben muss. Warum diese Bänder in Vergessenheit gerieten, weiß heute niemand zu erklären. Das Buch «Aller Tage Abend» gehört zu den Klassikern seines Genres – als erzählte Theatergeschichte im Werdegang eines Schauspielers und später auch Regisseurs von der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg bis zur frühen Bundesrepublik, vom führenden Schauspieler der zwanziger Jahre über die schwierigen Jahre der Emigration in England und Amerika bis zur Rückkehr nach Deutschland, wo er das Vergegenwärtigen der Klassiker noch einmal anders begriff und so zu einem der wichtigsten Anreger des Regietheaters wurde. 
 
Unter dem hohen Ton
Kortner hat nach dem Missbrauch der öffentlichen Rede im «Dritten Reich» viele Zweifel gehegt, was die Möglichkeiten des auf Wirkung bedachten, gestalteten Sprechens betrifft. Andererseits brachte er aus der Emigration die für ihn zwiespältige Erfahrung des Understatement mit, da auf englischen und amerikanischen Bühnen die Tonlage des «meisterlichen Plauschtheaters» vorherrschte, die ihm, dem expressionistischen Donnermeister und Sprechtragöden, als «Ausdrucksanämie» erschien. Um sich diesem Ton anpassen zu können, wobei es nicht allein um den Akzent im Englischen ging, wechselte er ständig die Lehrer, die ihn darin unterweisen sollten. Gleich drei am Tag seien von ihm dafür verbraucht worden, als er in London hinter das Geheimnis unter dem hohen Ton kommen wollte. Im amerikanischen Theater vermisste Kortner außerdem den «Unterbau» des historisch breit Gewachsenen und somit die Voraussetzungen, seine ganz eigene Kunst überhaupt entfalten zu können. Der «Geldterror» des sofortigen Erfolgs missfiel ihm auch deshalb, weil schon die Autoren diesem System mehr oder weniger gehorchten. Gleichwohl konnte Kortner seinen Willy Loman zu deutschen Wirtschaftswunderzeiten als einen dazu in doppelter Hinsicht widersprüchlichen Erfolg verbuchen.   
 
Insofern sind die jetzt erstmals als Hörbuch veröffentlichten Ausschnitte aus «Aller Tage Abend» auch ein Dokument, wie Kortner mit diesen Lesungen seine jeweils historisch geprägten Erfahrungen von Sprechkunst anklingen lässt: Als ob er sich noch einmal in diese Auseinandersetzung zwischen lockerem Konversationston und hoher Rezitation hineinspricht und dabei die bis heute virulenten Klassiker-Regiedebatten mit bedenkt.
 
Fritz Kortner bei einer Premiere im Berliner Schillertheater, 1959. Foto: Bundesarchiv
Aus tiefstem wienerischen Grund
Am Anfang steht der Vater, der aus seinem wienerisch-jüdisch-bürgerlichen Selbstverständnis die Schauspielerei für eine geringe Leistung hält und den schon früh theaterbegeisterten Jungen von solchen Narreteien abhalten will, bis er mit einem «Faust» im Burgtheater die von ihm nur im immensen Auswendiglernen erkannte Leistung von Schauspielern entdeckt und sich obendrein ins durchaus attraktive Problem des Goetheschen Pantheismus verwickelt. Da ist der Sohn Fritz, der an dieser Stelle rückschauend mit der ganzen Kraft eines großen Schauspielers in den Klassiker steigt, schon einen Schritt weiter, denn der fast siebzigjährige Sprecher demonstriert hier, wie er damals gegen die ihm unerträgliche Aufsagerei einer unverstandenen Klassikeranbetung aufbegehrt hat. Jede Silbe muss vollkommen ergriffen sein, ansonsten tönt es hohl. Dass Fritz Jude ist, hat er dem Hörer außerdem schon dadurch beigebracht, dass seine Geschwister wie er gutdeutsche Namen tragen und eines in der Koseform «Nazi!» gerufen wird. Dass Kortner seine ganz eigene Art von historischem Understatement hier einführt, dürfte 1959 zu den Verunsicherungen gehört haben.
 
Der Neunzehnjährige kommt nach Berlin, einer scheußlichen Stadt, wo Schnitzel in Sauce serviert werden, aber immerhin Max Reinhardt für ihn Aufgaben hat. 1913 spielt er eine Rolle in Reinhardts legendärem «Faust II» und ist in seiner Erzählung befähigt, die großen Schauspieler seiner Zeit zu beobachten und zu charakterisieren. Joseph Kainz kommt noch aus dem alten, knarzenden Jahrhundert, Alexander Moissi aus Triest in der singenden Verschmelzung von Deutschem und Romanischem (im O-Ton versehentlich Romantischem), Paul Wegener wird ein echter Gefährte. Kortner spielt jeweils auf den Duktus dieser Granden an, ohne nun zu deren Imitator zu werden. Kortners aus tiefstem wienerischen Grunde aufsteigende, mit langen Perioden sich nach oben stemmende und dann auf den Satzgrund herabstürzende Stimme springt, und sie springt auch wie in seinem Buch zwischen Zeiten und Perspektiven, episch biographischem Legato und sarkastischem Stakkato. Sehr musikalisch, und dabei gar nicht auf diese möglicherweise bloß eingängige Wirkung aus, denn mit dieser Technik vermittelt Kortner anschaulich und suggestiv, wie die Vergangenheit sich eben nicht von der Gegenwart seiner Hörer ablösen soll. Weder im Anknüpfen an die großen Theaterzeiten vor 1933 noch im Verschweigen der Jahre danach.
 
Dieses Springen wird vielleicht erst in dieser stärker zusammendrängenden Hörfassung richtig lebendig, auch wenn in ihr die tontechnischen Unterschiede zwischen einzelnen Takes und einige Hintergrundgeräusche (das Knarren seines Stuhls? ferner Baulärm?) das nicht immer unterstützen mögen. Einige Patzer in der jetzt erhältlichen Wiedergabe dieser Aufnahme müssen in Kauf genommen werden. Dass Kortner sein Leben aus der Gegenwart von 1959 erzählt und damit klar macht, wie sehr seine nicht nur privat gedeutete Vergangenheit die Dimension erwartungsgefälliger Schauspielerautobiographien überschreitet, macht das Buch und diese Aufnahme zu wichtigen Zeugnissen. Als Stimme eines Theatermanns, dem das heutige Theater wahrscheinlich mehr verdankt, als ihm bewusst ist.

 

 Die CD ist im Handel noch erhältlich.
 Sie können diese hier bestellen.


Thomas Irmer / Theaterheute / Seite 89 / August/September 2005

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