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Premiere

Sport gegen Kultur
Foto: Theater Oberhausen
Premiere am 16.03.10: Schorsch Kamerun inszeniert die «Abseitsfalle» - ein Außenprojekt des Theaters Oberhausen.


Das Ruhrgebiet steckt in Finanznöten. Dabei ist es doch, zumindest derzeit, Kulturhauptstadt. Und war schon immer: Fußball-Hochburg. Angenommen, ein potenter Geldgeber käme in die Region, noch genauer: nach Oberhausen, und wollte hier an seiner Marke arbeiten, also: Den Bereich finanziell unterstützen, der am besten zu seinem Produkt und/oder seinem Image passt; Angenommen, Sport und Kultur, stadtpolitisch in einem Referat vereint, wären gleichberechtigte Konkurrenten um die Gunst des potenziellen Sponsors - wer hätte da wohl die Nase vorn?

Eine Frage, die in einer Produktion des Schauspiels Oberhausen ab dem 16. März auch durch das Votum der Zuschauer allabendlich neu beantwortet wird. Die Vorstellung beginnt am Theater, von hier aus bringen Busse das Publikum zur eigentlichen Spielstätte, einer Mehrzweckhalle im Ortsteil Osterfeld. Auf der Fahrt entdecken die Passagiere, wie perfekt Dürrenmatts lange Zeit als angestaubt verschriener Text vom „Besuch der alten Dame“ auf das Projekt einstimmt: Schließlich wartet auch dort eine heruntergewirtschaftete Stadt darauf, durch die Großzügigkeit einer unermesslich reichen Person aus dem wirtschaftlichen Elend erlöst zu werden.

Vor Ort verteilen sich die Zuschauer auf zwei Räumlichkeiten: Eine jeweils elfköpfige Delegation des Theaters Oberhausen und des Fußballclubs Rot-Weiß Oberhausen, vertreten von einem repräsentativen Mix aus beiden Institutionen, vom Dramaturgen bis zum Pförtner, vom Fan bis zur Spielerfrau, kämpfen zeitgleich in einer „Vier-Chancen-Tournee“ um die Gunst des potenziellen Geldgebers. Damit das Konkurrenz-Gefühl nicht in Vergessenheit gerät und der Zuschauer einen direkten Vergleich ziehen kann, wird bei laufender Vorstellung der Auftritt der jeweils anderen Mannschaft auf einen Monitor übertragen. Haben die Teams ihren Auftritt absolviert, tauschen sie die Räume, so dass der Zuschauer (und Mitentscheider) beide Bewerbungen live erlebt.

Unterbrochen wird die Aufführung durch einen echten Werbeblock – mit den eigenen begrenzten finanziellen Möglichkeiten wird offensiv umgegangen, reichlich Musik soll zu einem unterhaltsamen Abend mit ernstem Hintergrund beitragen. Zur Einstimmung verbreitet ein musikalischer Gruß an den Sponsor einen Hauch von Eisler-Marsch, der Sängerbund Gutehoffnungshütte verstärkt die Stimmkraft des Theaters, die Fußball-Abordnung bietet Pop-Nummern und Action-Painting auf.

Regisseur Schorsch Kamerun, Gründungsmitglied und Sänger der „Goldenen Zitronen“, außerdem Autor und Clubbesitzer, setzt in seiner Arbeit auf Themen, auf Inhalte, die ihm wichtig sind. Die Proben zu „Abseitsfalle“ sieht er als kollektiven Prozess, bei dem Einzelteile erst spät zusammengesetzt werden (können). Der Hamburger sympathisiert mit dem Ruhrgebiet und dessen Sorgen.

Foto: Anna PolkeFoto: Theater OberhausenFoto: Theater OberhausenFoto: Theater Oberhausen

Oberhausens Zukunft steckt, fernab jeder fußballerischen Abwehr-Taktik, definitiv in einer Abseitsfalle. Die Stadt hat die höchste Pro-Kopf-Verschuldung aller Kommunen in NRW, für die nächsten Jahre sind, Folge von Bankencrash und Wirtschaftskrise, Einbrüche in den städtischen Einnahmen zu erwarten. Gespart werden soll deswegen, natürlich, auch an den sogenannten freiwilligen Leistungen, beispielsweise Sport, Kultur, VHS, Grünanlagen, Kurzfilmtage oder eben das Theater. Einrichtungen also, die der Stadt einen Hauch urbanes Leben, gesellschaftliche Teilhabe vermitteln können. Dagegen ist Intendant Peter Carp längst in die Offensive gegangen, unter anderem mit erklärt gutem Willen zur Zusammenarbeit: Bis zum Jahr 2012 will er aus seinem 8-Millionen-Etat schrittweise Einsparungen vornehmen. Darüber hinaus findet er deutliche Worte dafür, warum er einen Theaterspar-Kurs für politisch falsch und wirtschaftlich sinnlos hält.
Nicht nur, aber auch das Theater in Oberhausen sähe einer gesicherteren Zukunft entgegen, wenn die „freiwilligen Leistungen“ als kulturelle Grundsicherung anerkannt und zu verpflichtenden Aufgaben von Kommune und Land würden. In Lippenbekenntnissen der Politik spielt die Kultur ja stets eine geradezu staatstragende Rolle, es wäre also nur konsequent, den Worten Taten folgen zu lassen.

Wer mehr zum Thema hören will: Am 18. März tagt der "Klub für lokale Feldforschung" wieder einmal zu kulturpolitischen Fragen der Region, diesmal unter dem Motto „Metropole ohne Kohle“ im Ringlokschuppen Mülheim: Wie ist es jetzt, wie wird es im nächsten Jahr, nach Ruhr 2010, um das kulturelle Leben im Ruhrgebiet bestellt sein? Peter Carp nimmt an der Podiumsdiskussion ebenso teil wie Jörg Stüdemann, Kämmerer der Stadt Dortmund, oder Jürgen Büssow, Regierungspräsident der Bezirksregierung Düsseldorf, der sich in Theaterkreisen einen zweifelhaften Bekanntheitsgrad verschafft hat, weil er mutige Nachahmer für das Wuppertaler Beispiel sucht: Einen Theaterbau solange zu vernachlässigen, bis nur mehr eine Theaterschließung finanzierbar scheint. Dabei heißt es im Grundgesetz doch eindeutig: Eigentum verpflichtet....

Um einen musikalischen Kurzausschnitt aus der «Abseitsfalle» anzuhören, klicken Sie auf den Audiobutton unter dem Artikel!

 


09.03.2010 Susanne Finken
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