06.05.2010, Berlin, Deutsches Theater: «Schattenkinder» (UA), nach Motiven von Heinrich Leopold Wagners «Die Kindermörderin», Regie: Nuran David Calis.
Früher konnten Verbindungen über Standesgrenzen hinweg tödlich enden. Der Sturm-und-Drang-Dichter Heinrich Leopold Wagner schildert in seinem Drama «Die Kindermörderin» einen solchen Fall: Bürgerstocher Evchen wird vom adligen Leutnant Gröningseck halb vergewaltigt, geschwängert und deshalb noch längst nicht geheiratet. Als diese «Schande» publik wird, stürzt sich Evchens Mutter in den Fluss – und sie selbst bringt aus Verzweiflung ihr Baby um.
Eine solche Tragödie wäre heute höchst unwahrscheinlich. Doch die Sache mit den sozialen Unterschieden ist diffizil geblieben – und wie schon feine habituelle Differenzen Paaren das romantische Hochgefühl verhageln, ein spannender Gegenstand der Soziologie. Auch der Regisseur Nuran David Calis kann ein Liedchen davon singen. Der Sohn armenisch-stämmiger Einwanderer jobbte noch als Türsteher in Bielefelder Nachtclubs, als er sich in eine Lehrerstochter verliebte, die ihn mit ins örtliche Schauspielhaus schleppte. Seither schlägt Calis’ Herz für das deutsche Theater, an dessen großen Bühnen er seit ein paar Jahren inszeniert. Nun hat er Wagners «Kindermörderin» in die Mangel genommen und in den Kammerspielen des Deutschen Theaters herausgebracht.
Auf einer Party verguckt sich die Immer-noch-Bürgerstochter Eva (Olivia Gräser) in den stolzen Türsteher Grönsbeck (Christoph Franken), obwohl ihr wohlhabender Papa (Matthias Neukirch), Freundin Lisa (Claudia Eisinger) und der Exfreund (Ulrich Matthes) im Alter ihres Vaters schon zu wissen glauben, dass das nicht gut gehen kann. Tatsächlich zieht Grönsbeck, als er von der Schwangerschaft erfährt, erstmal «in den Süden», um das Geld zu verdienen, das seine Freundin längst besitzt. Die anderen raten kalt zur Abtreibung. Und Eva, die sich doch auf das Baby gefreut hat, tötet das Neugeborene.
Kein Zweifel: Der Stürmer und Dränger Nuran Calis hat ein waschechtes Melodram geschrieben, das es mit der Plausibilität nicht so genau nimmt und umso mehr Wert auf große Gefühle legt. In schwarz-weiß gefilmten Zwischenszenen sprechen die Figuren hohläugig Wagnertexte in die Kamera, Grönsbecks Kumpels rappen deftig rund um eine imposante Betonröhre (Bühne Irina Schicketanz), und die Oberschicht definiert sich hauptächlich durch dicke Geldbündel, mit denen sie die Jungs aus dem Nachtleben wieder loszuwerden versucht. Das ist anfangs noch einigermaßen mitreißend und sympathisch, nervt aber zunehmend, wo Calis die feinen Unterschiede aus dem Blick verliert. Aber das ist vermutlich ein echt bourgeoiser Einwand.