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Vorbericht

Hintergrund-Probleme
Foto: Ute Langkafel
Sie rotzen auf den Boden, sie fassen sich alle zehn Sekunden in den Schritt, und wenn sie mit ihren Handys telefonieren, was sie ständig tun, dann in Überschall-Lautstärke. Egal, was sie machen, es nervt. Willkommen in der unangenehmen Parallelwelt der «Jugendlichen mit Migrationshintergrund».

Der türkischstämmige Regisseur Nurkan Erpulat dekliniert zu Beginn seiner neuen Produktion «Verrücktes Blut» all die hässlichen Klischees, die Frau und Herr Normalbürger mehr oder weniger heimlich mit dieser Parallelwelt verbinden, einmal genüsslich durch.

Sie rüpeln also, sie rotzen und sie schreien. Das Kopftuchmädchen, die Tussi und der gegelte Kapuzenjackengangster. Und ihre Lehrerin kriegt sie nicht in den Griff. Voilà der Plot von Jean-Paul Lilienfelds Film «La journée de la jupe», den Nurkan Erpulat gemeinsam mit seinen Schauspielern, fast alle haben sie wie er Migrationshintergrund, für die Bühne adaptiert hat.
 
Sowohl im Film als auch auf der Bühne kommt ziemlich zu Anfang eine Waffe ins Spiel, die die Situation dramatisch auflädt. Abgesehen davon haben die beiden Geschichten aber relativ wenig gemeinsam. Denn während «La journée de la jupe» sich darauf beschränkt, die allgemeingesellschaftliche Überforderung im Umgang mit dem Migrationshintergrund auszustellen, will Nurkan Erpulat mit «Verrücktes Blut» für etwas plädieren.
 
Erstens dafür, dass es sich lohnt, diese Jugendlichen trotz der Wahrheit, die in den Klischees stecken mag, als Menschen ernstzunehmen. Und zweitens gegen die Hektik, mit der eine Minderheit integriert werden soll, die die ersten 40 Jahre ihres Minderheiten-Daseins von der Mehrheit so gar nicht als Teil der Gesellschaft wahrgenommen worden ist.
 
«Vor allem interessiert mich, den Blick auf dieses Thema zu thematisieren: nicht wie die Migrantenkinder sind, sondern wie sie gesehen werden», sagt Erpulat. Damit will er explizit die Mehrheit, also ein Publikum ohne Migrationshintergrund ansprechen.
 
Die Lehrerin auf der Bühne löst ihr Autoritätsproblem temporär, indem sie ihren Schülern eine geladene Waffe an den Kopf hält, die Widerworte zwar nicht im Keim erstickt, doch am Ende immer wieder ungültig macht.
 
Die Schüler sollen Schiller lesen und spielen – Mademoiselle will sie zu ästhetischen Menschen erziehen. Und obwohl sie mit ihrer Brachialmethode erstaunliche Ergebnisse erzielt, ist man als Zuschauer doch immer wieder peinlich berührt, wenn sie einem komplizenhaft zuzwinkert. Denn sie übersieht die ganze Zeit, dass sie es bereits mit Menschen zu tun hat, Menschen, die zwar nicht ihre Werte teilen und ihre eigenen auch größtenteils noch nie wirklich reflektiert zu haben scheinen, aber doch Menschen, die sie in ihrer Arroganz abstempelt zu Noch-nicht-Menschen.
 
Über Arroganz kann sich Nurkan Erpulat lange und ausgiebig ärgern – zum Beispiel über die seiner Dozenten an der Ernst-Busch-Schule, die ihn nicht zu einem Shakespeare-Seminar zuließen, weil sie meinten, ihm, dem Türken, fehle der kulturelle Hintergrund. Und auch über die der Theater, die ihn stets in die Schublade mit den «Vorzeigetürken» stecken und ihn immer nur dann anrufen, wenn sie eines dieser sozialen Projekte machen wollen. Shakespeare oder gar Schiller wird ihm immer noch nicht zugetraut.
 
Am schlimmsten findet der 31-jährige es aber, dass Schauspieler mit Migrationshintergrund auf den deutschsprachigen Bühnen immer noch die Ausnahme sind. Denn Theater muss für ihn die Realität spiegeln: «Von mir aus dürfen ja die Schauspieler mit Migrationshintergrund auch erstmal die bösen Rollen spielen, den bösen Bruder Franz. Die Deutschen haben jahrelang die Nazis gespielt in den amerikanischen Filmen. Aber immerhin, sie haben gespielt.»
 

23.08.2010 Sophie Diesselhorst

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