Hjalmar Söderbergs selten gespieltes Melodram «Gertrud» in einer Neuinszenierung am Landestheater St. Pölten.
Hjalmar Söderberg, in seiner Heimat Schweden so angesehen und viel gespielt wie hierzulande Ibsen und Strindberg, wird im deutschsprachigen Raum selten aufgeführt. Bekannt geworden ist sein 1907 uraufgeführtes Schauspiel «Gertrud» vor allem durch die wegen äußerster Reduktion, statuarischer Einstellungen und eines extrem langsamen Rhythmus umstrittene, heute zum vielbewunderten Klassiker avancierte Verfilmung von Carl Theodor Dreyer von 1964.
Die Herangehensweise des Regisseurs Johannes Gleim am Landestheater in St. Pölten ist eine andere. Eher flott kommt seine Inszenierung im minimalistisch-poetischen Bühnenbild von Daniela Juckel daher. Sie klopft das Stück aus der Zeit des Fin de Siècle, in der die zwischen den Konventionen einer bürgerlichen Ehe und emanzipatorischen Aufbrüchen stehenden stark-schwachen Frauengestalten an der Lieblosigkeit der Männer und der Enge ihrer Puppenheime zerbrechen, nach dem für uns heute gültigen Kern ab.
Söderbergs Stück ist in seiner Sicht auf die Frau moderner als Ibsen und Strindberg – seine Gertrud ist nicht so sehr Opfer patriarchalischer Verhältnisse als eine mit der Einrichtung der Welt, in der so viel von Liebe die Rede ist und so wenig nach ihren Prämissen gelebt wird, Streitende.
«Amor omnia» lautet Gertruds Devise, die Liebe ist alles – und die dramaturgische Straffung des Stücks, in dem konsequent alle Szenen gestrichen sind, die von der wesentlichen Frage, die, wie Johannes Gleim im Gespräch sagt, ebenso wie vor hundert Jahren ungelöst ist, der nach der Vereinbarkeit von romantischem Liebesideal und den Erfordernissen des Alltags und der Arbeit, ablenken würden, überzeugt.
Eine Figur wie Gertrud, die die Liebe über alles stellt, mit ihr alles andere ausfüllen, beleben will, Arbeit, Kunst, Ehe, ist eine Zumutung – für die anderen und für sich selbst.
Die Momente der Einsicht und Einsamkeit jenseits von Sprache und übergroßem Bühnenaktionismus sind die Stärken des Abends. Etwa wenn Gustav Kanning (Paul Matic), der ruhelose, karrierebewusste Ehemann, in seinem Überaktionismus die Depression aufscheinen lässt. Wenn der junge, am Beginn einer erfolgreichen Laufbahn stehende Komponist Erland Jansson (Patrick O. Beck), der sich öffentlich mit dem Besitz Gertruds brüstet, sie nach ihrem Traum fragt, in dem sie sich nackt und von einer Meute Hunde gehetzt in den Straßen der Stadt sah. Wenn die alte große Liebe, der zu Ruhm gekommene Schriftsteller Gabriel Lidman (Michael Rastl), von der Leere im Erfolg spricht und von dem Schmerz, zu sehen, dass die Geliebte von einem jüngeren nicht geachtet, sondern vor den Augen aller in den Schmutz gezogen wird.
Vor allem aber gelingt es Andrea Eckert in der Rolle der Gertrud, die Einsamkeit, in die unbeantwortete, in ihrer Größe und ihrem Anspruch unerkannte Liebe führt, deutlich zu machen, den leeren Raum, in dem das unerwiderte Gefühl, auf sich gestellt, haust, auszuschreiten. Es sind Blicke, leise Töne in ihrem Spiel, Momente, die immer schon auf das Ende verweisen, an dem sie, von allen Männern verraten, von keinem geliebt, allein auf der Bühne zurückbleibt, man muss sagen: endlich allein, denn sie wünscht sich dann nichts mehr, als allein zu sein, so allein, wie es ihrer Einsamkeit entspricht.
Am Ende gibt es keinen Ort mehr für sie, ist sie ganz abwesend. In ihrer Abwesenheit aber scheint dann eben doch eine Hoffnung auf. Es ist nicht klar, wohin sie gehen wird, aber es ist klar, dass sie gehen wird, ihren Weg, zu einem ihr und uns noch unbekannten Ort.