Berlin, 20.02.10: Jan Bosse inszeniert PeterLichts Version von Molières «Der Geizige» mit ansteckendem Spaß am MGT.
Vorstellungsrunde beim «Geizigen»: Am Kopf der Tafel Hausherr Harpagon, genannt Harpi. Zu seiner Linken Sohn Cléante, genannt Cléanti. An der verspiegelten Wand der sich spitz nach hinten verjüngenden Bühne Cléantis Freund La Flèche, genannt Flashi oder auch Flechi... Onkeltante Sabine Waibel, die zum Auftakt von Jan Bosses Inszenierung die schrill barock kostümierten Décadents präsentiert, legt die zentrale Verschiebung der Molière-Umdichtung des Popdichters PeterLicht fest. Sie weist schwer Richtung infantil – und zwar mit voller Absicht.
Denn wenn zu Beginn Robert Kuchenbuchs Cléanti reichlich mit «Ich so, er so», «nerv» und «augenroll» garniert Papas Geiz bejammert und Johann Jürgens Valère, genannt Walli, Cléantis Schwester Eli – die stets ein aggressives «Keine Ahnung!» vor sich herspeiende Hilke Altefrohne – im stammelnden Stummelsprech («Ich bin ganz lulli!») den Hof macht, bis sie entnervt fragt: «Kannst du mal normal sprechen?» – dann ist die Generation Erben schon mal als grenzdebil eingetütet.
PeterLicht, der spätestens mit seinem Album «Lieder vom Ende des Kapitalismus» (2005) berühmt wurde und besonders in jüngeren Theaterkreisen für seine pseudonaive und nicht nur melodisch eingängige Kapitalismuskritik geliebt wird, nutzt Molières Komödie aus dem französischen Absolutismus, um sie auf den Stand von System, Geld und Kritik heute und in seine kalauersatte Sprache zu übersetzen. Dramatisch geht es nur zu Anfang zu, wenn Licht und Bosse die Beziehungskonstellationen kurz skizzieren. Dann folgen (allzu) großzügige Monologe von der Tischrampe, deren selbstironisches Fazit lautet: Im Kapitalismus ist der Geizige der wahre Subversive, während seine konsumgeilen Nachkommen, die danach lechzen, den Goldesel zum scheißen zu bringen, jede Systemkritik in Misskredit bringen.
Das Gorki-Ensemble hat sichtlich großen und ansteckenden Spaß mit Lichts Molière-Modernisierung, etwa, wenn die Nachkommen sich als Patenkinder maskieren, weil Peter Kurths selbstzufriedener Harpi lieber Drittweltgören als die eigene Brut unterstützt. Oder wenn er das absolute Glück des Sparfuchses beschreibt, dem es gelingt, überschüssige Zahnpasta per Unterdruck zurück in die Tube zu saugen. Den Sprung von der oralen in die anale Phase hat Harpi halt nie geschafft: Was soll dann auch seine Tischgesellschaft anderes sein als «lulli»?