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Frühkritik

Seelisches Prekariat
Foto: Arno Declair
02.03.2010: «Dämonen» von Lars Norén an der Schaubühne Berlin. Regie: Thomas Ostermeier.

Als vor 10 Jahren Thomas Ostermeier seine Intendanz an der Berliner Schaubühne mit Lars Noréns «Personenkreis 3.1» eröffnete, war das Programm: Die Bourgeoisie des oberen Kudamms sollte gefälligst hingucken auf das, was ihr sonst nicht vor Augen kommt, das Prekariat (ein damals noch unbekanntes Wort). Zum Jubiläum setzt Ostermeier nun einen ganz anderen Lars Norén an: «Dämonen» (von 1984) ist ein Stück aus der bürgerlichen Ehehölle wie die Schaubühnen-Erfolgsproduktionen «Nora» und «Hedda Gabler»: Zwei mitteljunge Paare, eins mit Kindern, eins kinderlos, hauen sich einen Abend lang in «Virgina-Woolf»-Manier das Eingemachte um die Ohren.

Sie sitzen dabei, auch das ein vertrautes Bild, auf einer rotierenden Wohnbühne aus Chrom und Glas. Vorne das kühl möblierte Wohnzimmer mit Küche, hinten die Intimräume, Schlafzimmer und Bad. Wenn sie nicht im Bild sind, werden sie ausgespäht von ausgeklügelt operierenden Kameras, die von oben in der Totale oder in intimster Nahaufnahme den Figuren auf den Leib rücken, den Fokus umsteuern vom Vordergrund in die Hintergründe.

Lange Zeit schauen wir mit klinischer Neugier auf einen Wohnzimmersmalltalk aus Überdruss und Überforderung, in dem noch die übelsten Bosheiten versinken wie in einer Pfütze. Von der verklemmten Contenance in die schamfreie Entblößung finden bei steigendem Alkoholpegel mit beklemmender Präzision die schlafwandlerisch laszive Katharina (Brigitte Hobmeier), der nette Jungmutter-Trampel Jenna mit Megären-Potenzial (Eva Meckbach), ihr überforderter Mann Thomas (Tilman Strauß)  und Lars Eidingers Frank, der die Asche seiner Mutter im Laufe des unaufhaltsam entgleitenden Abends über Frau Katharina ausleeren wird.

Eidinger grimassiert sich furchterregend selbstentfremdet durchs Gefühlsverdeckungsrepertoire, ein getriebener Spieler, der sich in Ostermeiers Laborkrabbelkiste schließlich zum Spielemacher ermächtigt. Die Videos verschwinden, und Frank setzt nun selber Injektionen, die die Demütigungssticheleien in den erbärmlichen Showdown treiben, von Dämon Eidinger aus der gläsernen Küchenkabine reglos überwacht. Das triste Tschüs, das Katharina dem Nachbarn nach einem missglückten Koitus hinterherruft, ersetzt die pathetische Kreuzigung des Originals. Es ist das prosaische Schlusswort eines Abends, der sich keinen Illusionen hingibt: Vor dem seelischen Prekariat rettet in dieser Weltsicht kein Gott, kein Geld und kein guter Geschmack, Kinder so wenig wie die so genannte Liebe. Sehr trostlos ist das, und ziemlich fesselnd anzuschauen.


01.03.2010 Barbara Burkhardt

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