Antje Thoms bezog für zehn Tage den «Schreibcontainer II» in Göttingen, ab 25. Feb. stellt sie das entstandene Werk vor.
Ein Ufo ist in der Göttinger Innenstadt gelandet, orangefarben, auf der einen Seite mit Fenstern über die ganze Front, auf der anderen mit Sehschlitzen in unterschiedlichen Höhen: Die «mobile Bühne» des Deutschen Theaters Göttingen hat direkt neben der Johanniskirche Quartier bezogen und dient der Regisseurin und Dramatikerin Antje Thoms vorübergehend als «Schreibcontainer».
Zehn Tage beobachtet die Autorin im Auftrag des Deutschen Theaters das Treiben in der Fußgängerzone und verfasst dazu einen dramatischen Text, der eine Woche später als szenische Lesung direkt vor Ort im Container aufgeführt wird. Das Ganze findet statt im Rahmen des Göttinger Projekts «Stadt in Zukunft», bei dem das Theater nach Visionen und Utopien für urbanes Zusammenleben fragt: Wie wollen wir leben?
«Stadt in Zukunft»: Szenische Lesung des «Schreibcontainer»- Texts von Antje Thoms am 25., 26. und 27. Februar in der mobilen Bühne am Johanniskirchhof. Nähere Informationen...
Im März zieht die Autorin und Regisseurin Nino Haratischwili in den «Schreibcontainer III».
Als erster «Autor im Container» hatte im November vergangenen Jahres Paul Brodowsky die mobile Heimstatt bezogen und wurde im Göttinger Stadtteil Grone von den Kindern der Umgebung regelrecht bestürmt, so dass er schließlich Sprechzeiten einrichten musste, um überhaupt noch zum Schreiben zu kommen. Diese Erfahrung hat Antje Thoms in der Innenstadt bisher nicht gemacht, ganz im Gegenteil: «Es ist hier eher so, als würde ich ein kleines Geschäft haben, und die Leute wüssten einfach nicht, was es da gibt». Geklopft hat bislang noch kaum jemand, und so begibt sich die Autorin auf Recherche nach draußen, mischt sich unter die Fußgänger, besucht ein Orgelkonzert oder nimmt an einer Stadtführung teil.
Was sind ihre ersten Eindrücke von der Göttinger Innenstadt? Dies sei eher ein Ort der Erledigungen und Besorgungen, durch den die Menschen mit konkreten Zielen eilen, und den sie wieder verlassen, sobald sie damit fertig sind, erzählt Antje Thoms. «Es besteht die Gefahr, dass die Innenstädte reine Einkaufs- und Touristenzonen werden». Schon jetzt sähen sich die Fußgängerzonen verschiedener Städte wahnsinnig ähnlich. Die mobile Bühne des Deutschen Theaters ist daher auch ein Versuch, diese einförmige Funktionalität aufzubrechen und gleichzeitig dem Theater neue Räume zu erschließen.
Antje Thoms, geboren 1976, studierte Angewandte Theaterwissenschaften und war Regieassistentin am Nieder- sächsischen Staatstheater Hannover. Seit 2003 freiberufliche Regisseurin und Autorin. Regie und Stückentwicklung für das Schweizer Autorenförderprogramm «Dramenprozessor», Gründungs- mitglied der freien Theater- formation «Trainingslager». Inszenierungen u.a. für Stadttheater Bern, Deutsches Theater Göttingen, Theater Winkelwiese Zürich, Theater Ulm.
Mobile Bühne, mobile Autorin: Als Regisseurin hat Antje Thoms bereits an vielen Orten in Deutschland und der Schweiz Stücke inszeniert und muss immer wieder innerhalb kürzester Zeit die Orte wechseln. «Man lebt wie auf Montage», sagt sie und lacht. Begriffe wie «Zuhause» und «Heimat» bekämen da eine ganz neue Bedeutung: «Für mich ist Heimat immer noch da, wo ich tatsächlich herkomme, es ist immer noch Stralsund, obwohl ich da schon seit Ewigkeiten nicht mehr lebe. Ich glaube, dass man das braucht, um halbwegs erträglich leben zu können - das Gefühl, dass man einen Ursprung hat, dass man weiß, wo man herkommt oder wo man im Zweifelsfall auch wieder hin kann.»
Hat sie schon Ideen für das Stück? Das ändere sich eigentlich jeden Tag, sagt Antje Thoms. Ihre erste Idee sei gewesen, einen «Chor der Schaufensterpuppen» auftreten zu lassen, der über die Leute redet und über die Stadt. Eine andere Idee kam ihr wegen der Nähe zur Kirche: «Es könnte eine Art Predigt werden oder eine Zusammenkunft, bei der man gemeinsam versucht, ein Modell für die Zukunft zu finden, dann aber ständig unterbrochen wird von privaten Wünschen», erzählt sie. Denn das scheint ihr im Moment das zentrale Thema zu sein: Wer interessiert sich eigentlich für die Zukunft der Stadt?