Morast. Urschleim.
26.02.2010 11:59 Uhr
Heute habe ich die über kultiversum – Der Tag auffindbaren Möglichkeiten, verschiedene Aufnahmen der Toccata aus Monteverdis Orfeo zu hören, genossen.... wunderbar. Oh weh, mein Gastspiel in der Welt der Rock- und Popmusik war kurz.
Auch sonst sind meine pferdischen Aktivitäten wieder eher beschaulich. Heute wie jeden Mittwoch war ich ca. dreieinhalb Stunden lang damit beschäftigt, unseren Offenstall am Stadtrand – riesiger Auslauf, 8 Pferde – zu entmisten. Wir machen das reihum und ich bin eine der Wenigen, die es gerne tun, halte es für einen Teil des Yoga, eine Erdung. Außerdem ist es eine gute Gelegenheit, unsere Pferde in ihrem Sozialverhalten zu beobachten und mit ihnen zusammen zu sein, ohne schon wieder was zu fordern. Ich bin also stundenlang bei jeder Temperatur (Rekord in diesem Winter bei –17°C) und bei jedem Wetter mit Mistgabel, Schaufel und Schubkarre zugange, weshalb ich nie mehr krank werde. Heute wurde mir zudem die klangliche Schönheit des Wortes „Morast“ erstmals bewusst, da auf noch hartgefrorenem Grund etwa 20 cm Schlamm und Mist aufliegen, in dem man mit den Füßen stecken bleibt - eine doch, im Ernst! ziemlich abgefahrene, vielleicht sogar dekadente Form der Freizeit-beschäftigung. Ach Westi, mein Held, Du baggerst Dich in den Mist, der ist noch tiefer als der auf unserem Paddock, und meinst es doch nur gut! Der Gedanke mit dem Schneeschippen war mir, ehrlich gesagt, in diesem Winter auch schon gekommen....
Es kam vor, dass ein junger Mann während meines winterlichen Misteinsatzes an den Paddockzaun kam, sich als Hartz–IV Empfänger outete und mich fragte, ob er die Mist-Arbeit nicht für mich machen könne. Fast schlechten Gewissens lehnte ich ab. Abgesehen von meinem persönlichen Willen zum Selbstmisten wäre das unbezahlbar. Selbst wenn ich an die ordnungsgemäße Anmeldung zu Sozialbeiträgen gar nicht denken würde, wären für diese Arbeit, deren Wert mir sehr bewusst ist, 20 € pro Stunde auch noch schlecht bezahlt. Würde ich jedoch pro Woche 70 € mehr aufwenden, könnte ich ebenso gut ein zweites Pferd halten, was ich täte, auch wenn ich dann selbst zweimal zum Misteinsatz müsste. Frustriert ging der gute Mann davon; ich aber habe nachher trotz positiver Einstellung meine üblichen Schmerzen in der linken Schulter bis zur Hüfte, weshalb ich – wie ebenfalls jeden Mittwoch – nachher in die verordnete Fango- und Massage-Wohltat krieche. Trotz der immer höher werdenden Krankenkassenbeiträge und des inzwischen sehr hohen Eigenanteils bei den Kosten leistet also die Solidargemeinschaft Beiträge zu meinem Selbstmisten. Bleibt nur noch anzumerken, dass im antiken Roman das happy ending kanonisch war. Darüber könnte ich nun stundenlang schwafeln, habe aber keine Lust, hier einen Spätantikenblog anzufangen. Was mich verärgert an Durs Grünbein denken lässt, der mir immer als absolut antikenfester, erfrischend rationaler Ausnahmeautor sympathisch war, und der sich nun auch noch in die Hegemann – ja was eigentlich? Falle? Schiene? Aufgeregtheit? Masche? einklinken muß, auch noch mit Gottfried Benn. Es langweilt, weitermachen!!!!! Zum Eigenen zurückkehren!!!! Es muss gearbeitet werden, Freunde, diese Literaturbetriebsonanie ist grauenhaft unproduktiv, langweilig, morastig. „O dass wir unsre Ururahnen wären. Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor.“