Das Schweigen der Dramen.
06.03.2010 10:43 Uhr
Ich liebe Fußnoten, das, was dazugehört, womöglich einen Weltzusammenhang auftut, Grundlage zum Verständnis ist, des Pudels Kern oder einfach nur eine Fortsetzung des gleichen Lebens, Behauptens, Denkens in anderen möglichen Welten.... Fußnoten schaffen eine Art Gleichberechtigung der Dinge, die im Augenblick nicht den Sprung in den Vordergrund schaffen, aber ebenso da sind. Ein Text mit Fußnoten bekommt eine völlig andere haptische Qualität, wenn sie nicht unten auf der Seite stehen, sondern hinten im Anhang, so dass man blättern muss. Schon wegen der Fußnoten liebe ich „Unendlicher Spaß“, die deutsche Übersetzung von David Foster Wallace´ Infinite Jest.[1]
Ich liebe es auch wegen des Umfanges, der Heiterkeit, jawohl! Heiterkeit, mit der das ganz normale Elend der Welt da strömt, „nur“ durch Sprache und Perspektive gerettet vor der Möglichkeit, deprimierend zu wirken. Tägliche Leiden und Absurditäten durch Sprache gerettet zu einer erlebbaren Welt, in der die Zeiten aufeinander zu laufen. Ich liebe Marathe und Steeply auf ihrem Felsvorsprung; als rotgekleidete Männer auf einer Sanddüne tauchten sie tatsächlich schon in meinen Träumen auf und ich bin gespannt, was da noch kommen wird.[2] Ich bitte um Aufmerksamkeit für die Idee des Drame trouvé in der Fußnote 145.[3] Aus einem Telefonbuch wird eine Seite gerissen und an die Wand geheftet. Ein Dart wird darauf geworfen. Der vom Pfeil durchbohrte Name bestimmt den Protagonisten eines Dramas, alles, was dieser Mensch in den nächsten 90 Minuten erlebt, ist das Drama. Es gibt keinen, der filmt, zusieht, aufzeichnet. Vielleicht ist der Mensch, dessen Name getroffen wurde, schon tot, das Telefonbuch veraltet.... Die Kritiker gehen einen trinken während dieser eineinhalb Stunden, oder machen sonst, was sie wollen.... Damit ich noch eine Fußnote machen kann, zitiere ich: „Und der Protagonist weiß nicht, dass er der Protagonist in einem Drame trouvé ist, weil in Wirklichkeit ja auch keiner glaubt, er wäre in einem Drama.“ [...] „Fast niemand. Das ist eine gute Frage. Fast niemand. Ich werde das Risiko eingehen, ihnen zu gestehen, dass ich mich gerade ein bisschen eingeschüchtert fühle.“[4] Diese Vorstellung ist ungeheuerlich, und dass etwas so elementar Ergreifendes, Weises, in einer Fußnote steht, kommt fast einer Weltrevolution gleich. Es haut mich völlig um.
Zur Zeit fahre ich jeden Dienstag nach Amberg. Dies ist eine entzückende Stadt südlich von Nürnberg, zur Oberpfalz gehörend, an der Münchener Autobahn. Wunderbare Altstadt, idyllisch an einem Fluß, Hallenkirche, Kalvarienberg, Stadtmauer, hervorragende Gastronomie. Ein Luftmuseum (irgendwann werde ich zu Öffnungszeiten hinfahren und feststellen, was da ausgestellt ist). Jeden Dienstag[5], noch einige Wochen lang, gibt es im Rathaus eine Vortragsreihe zum Thema Klimawandel. Oh weh. Es ist alles noch viel schlimmer, als ich immer vermutet hatte. Diese Woche ein Vortrag eines Ur- und Frühgeschichtlers – über natürlichen und menschengemachten Klimawandel. Ein wenig hatte ich die Hoffnung, dass ich so was Beruhigendes höre wie „gab es schon immer...wird es immer geben“ --- doch weit gefehlt, alles ist noch schlimmer, dramatischer, als ich in dunkelsten Stunden vermutete. Wir erleben innerhalb einer Generation Veränderungen, wie sie früher in 1500 Jahren ansatzweise abliefen. Die Chancen der Anpassung... Sibirien taut auf, im Boden eingefrorene Gase gelangen in die Atmosphäre... Lassen wir es.
Auch bei meinem Mimir dramatische Steigerungen. Er hat es wieder getan: Vorhandwendung, zurück, diesmal gefährlich schnell. Ich versuche es demnächst mit einer „Natural Horsemanship“ Trainerin und werde berichten.
[1] Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 39,80 €.
[2] Im fortlaufenden Text bin ich nun genau auf Seite 555 angelangt, was ich zum Anlass nehme, hier über diese wunderbare Schwarte zu schreiben, die manchem womöglich durch die Reaktionen im sogenannten Literaturbetrieb vergrätzt wurde, weil so viele Superlative darüber gehäuft wurden, dass man sie kaum mehr sehen kann, zumal im monochromen Einband.
[3] Foster Wallace, Köln 2009, S. 1471 ff.
[4] Foster Wallace, Köln 2009, S. 1473.