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Im Focus

Magischer Expressionismus
Foto: Wilfried Hösl
Vladimir Jurowski und Barrie Kosky fiebern an der Bayerischen Staatsoper mit Prokofjews «Feurigem Engel»

Eigentlich ein ganz normaler Ort, so ein Hotelzimmer. Das gilt selbst dann, wenn es mit einem Konzertflügel und Wandschmuck à la Louis XV., mit Flachbildschirm und Baldachin überm Bett ausgestattet ist. Doch normal ist wenig von dem, was in den zwei pausenlosen Stunden an der Bayerischen Staatsoper in diesem Hotelzimmer geschehen wird: Da macht sich schon bald das Bett selbstständig, darunter taucht eine zitternde Frau im Pyjama auf; da saust plötzlich die Stuckdecke gen Himmel und schieben sich die Wände derart bedrohlich zusammen, dass von all den herrlichen Möbeln nur eine riesige Müllhalde bleibt. Was die Bühnenbildnerin Rebecca Ringst als ebenso durchgestylte wie dynamische Raumkomposition für Sergej Prokofjews Oper «Der feurige Engel» entworfen hat, demonstriert genau das, was auch Regisseur Barrie Kosky in dem während der letzten Jahre wieder häufiger aufgeführten Stück sieht: Er will die magischen, psychotischen, parapsychologischen und religiösen Motive nicht auflösen, sondern im Kontrast mit dem Setting einer vermeintlich durch und durch aufgeklärten Gegenwart noch steigern.

Schließlich war die Moderne bereits auf dem Höhepunkt, als Prokofjew in den 1920-er-Jahren den zur Reformationszeit spielenden gleichnamigen Roman von Waleri J. Brjussow für sein Libretto bearbeitete. Er ließ offen, ob Renata, die seit Kindertagen nach einem Feuerengel sucht, tatsächlich mit höheren Mächten im Bund oder einfach nur eine Hysterikerin im Sinne der klassischen Psychoanalyse dieser Jahre ist. Dass ihr der Ex-Söldner Ruprecht dabei bedingungslos folgt, ist das Rätselhafteste daran – und dass es in München plausibel wird, vielleicht das Magischste dieses Theaterabends. Kosky lässt offen, ob die beiden schon länger miteinander reisen, ob am Ende all das, was hier geschieht, ebenso seine Wahnvorstellung ist wie die ihrige. Er will nicht psychologisch erklären, sondern leuchtet mit staunenswerter erzählerischer Genauigkeit die Seelenzustände dieses Paares aus.

Mit Svetlana Sozdateleva und Evgeny Nikitin steht ihm dafür die derzeit wohl bestmögliche Besetzung zur Verfügung. Sozdateleva hat die technisch anspruchsvolle, darstellerisch fordernde und monströs lange Partie der Renata schon in Brüssel, Düsseldorf und an der Komischen Oper Berlin, Koskys Stammhaus, gesungen. Nach einer Absage von Evelyn Herlitzius singt sie sie nun auch in der Münchner Erstaufführung, und tatsächlich fragt man sich, was die Bayerische Staatsoper täte, wenn sie einmal krank würde. Denn was an der russischen Sopranistin noch mehr erstaunt als ihre unerschöpflichen Kraftreserven ist die Flexibilität, die sie ihrer Stimme dabei bewahrt. Weil ihre weich konturierten Bögen von einer echten Sehnsucht erzählen, haftet ihr eine unerbittliche Zartheit an, etwas tatsächlich Kindliches. Und weil sie uns damit rührt, glauben wir auch, dass sie Ruprecht rührt, obwohl sie ihm nie gibt, was er (auch) von ihr will. Bariton Evgeny Nikitin, schon optisch das perfekte moderne Äquivalent eines frühneuzeitlichen Haudegens, spielt ihn als viel reisenden und wohl auch ein bisschen einsamen Globetrotter. Und auch er setzt dafür mehr auf genaue Sprachbehandlung als auf bloße Kraft. Dass er auf die Dauer dennoch etwas monochrom klingt, hat wohl mit dem Stimmsitz zu tun.

Der Sex aber, den die beiden nicht miteinander haben, bricht bald umso wilder durch alle Ritzen dieses seltsamen Zimmers. Den feurigen Engel selbst lässt Kosky zwar nie auftreten, verortet ihn an entscheidender Stelle doch eher in Renatas Kopf. Dafür aber zucken und taumeln, rasen und toben die Herren des Opernballetts der Bayerischen Staatsoper, als gälte es einem «Sacre du printemps». Einmal in weiblichen Rokokoroben über den Raum hergefallen, entgrenzt sich die Truppe in den Choreografien von Otto Pichler zunehmend ins radikal Dionysische. Am Ende wird sie das Zimmer unter Führung von Mephisto (enorm präsent und spielfreudig: Kevin Conners) und Faust (ein samtweich singender Igor Tsarkov) in einem veritablen Hexensabbat endgültig verwüsten. Schade nur, dass Kosky und sein Kostümbildner Klaus Bruns für die Szene zu sehr auf eine zum Klischee gewordene Sado-Maso-Optik setzen. Das schwächt die Stringenz auf den letzten Metern ebenso – wenn auch nicht schwerwiegend – wie die etwas unmotiviert als Christusfiguren auftretenden Nonnen des letzten Akts.

Dafür drehen hier die Damen des Staatsopernchors und Dirigent Vladimir Jurowski nochmal richtig auf. Jurowski hat die Erregungswellen dieser expressionistisch überkochenden Partitur bis dahin klug gesteigert. Die Bögen sind intelligent disponiert, ohne dass Jurowski der enthemmten Kraft in den Arm fiele. Dass er dennoch gelegentlich die Sänger zudeckt, liegt denn wohl auch eher an der hypertrophen Instrumentation. Der Abend überzeugt auch durch ein toll singendes Ensemble, das in den kleineren Rollen eine gespenstische Typenparade zuliefert. Da geben Heike Grötzinger und Christian Rieger Wirtin und Knecht als Duo fatale des höheren Hotelmanagements, stattet Elena Manistina die Wahrsagerin mit den mächtigen Rundungen ihres Mezzosoprans aus, durchdringt Vladimir Galouzine die Orchesterwolken rund um Agrippa von Nettesheim mit unerbittlichem Stentortenor. Vielleicht sollte sich die Bayerische Staatsoper angesichts des Premierenapplauses überlegen, ob sie nicht öfter auf eher unbekannte Stücke setzt.   


Prokofjew: Der feurige Engel
München / Bayerische Staatsoper

Premiere am 29. November 2015

Musikalische Leitung: Vladimir Jurowski
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühne: Rebecca Ringst
Kostüme: Klaus Bruns
Chor: Stellario Fagone
Solisten: Evgeny Nikitin (Ruprecht), Svetlana Sozdateleva (Renata), Heike Grötzinger (Schenkwirtin), Elena Manistina (Wahrsagerin), Vladimir Galouzine (Agrippa von Nettesheim), Kevin Conners (Mephistopheles), Okka von der Damerau (Äbtissin), Igor Tsarkov (Faust), Goran Juric (Inquisitor), Ulrich Reß (Jakob Glock), Christian Rieger (Knecht), Andrea Borghini (Schankwirt) u. a.

www.staatsoper.de


Michael Stallknecht / opernwelt / Seite 16 / Januar 2016

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