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Turbulentes Finale
Die Dirigentin Anja Bihlmaier verabschiedet sich in Hannover mit einer eindrucksvollen «Rusalka» Richtung Kassel

Erst eine vorlaute Sängerin, dann eine stimmlose: Für die Dirigentin Anja Bihlmaier, die zum Beginn dieser Spielzeit von Hannover nach Kassel wechselte, um dort Erste Kapellmeisterin und stellvertretende Generalmusikdirektorin zu werden, begannen die Abschiedswochen in der niedersächsischen Landeshauptstadt ein wenig turbulent. Da musste sie in der Zeitung lesen, dass Simone Kermes, als Gast zur Spielzeiteröffnungsgala angereist, zum Thema Dirigentinnen spontan ein abfälliges «Auweia» entfuhr. Allerdings hatte Bihlmaier, die ihre Irritation darüber im Gespräch nur ganz dezent andeutet, an diesem Abend Glück. Sie musste mit Frau Kermes nicht auftreten und wurde so auch von der spontanen Versöhnungskussattacke verschont, mit der Kermes die Generalmusikdirektorin Karen Kamensek bedachte.

Weniger Glück hatte Bihlmaier bei der Premiere von Dvoráks «Rusalka»: Ironischerweise hatte die Sängerin der stummen Nixe ihre Stimme verloren. Von der Seite sang, sehr respektabel, Ensemblemitglied Rebecca Davis, während auf der Bühne die erkrankte Sara Eterno die Seelenqualen einer bald verlassenen Geliebten verkörperte. Der damit einhergehende Verfremdungseffekt passte allerdings ganz gut zur eher verkopften Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf. Bei ihm und seinem Bühnenbildner Dieter Richter steht zu Beginn die Uhr auf fünf vor zwölf: Zur Geisterstunde schlagen die grünbleichen Wassernixen auf ihren Totenbahren in der Pathologie des herrischen Wassermanns (bis zur Sprödigkeit direkt: Tobias Schabel) die Laken zurück. Die Inszenierung weidet in diesem Bild eine Mode aus, die zur Entstehungszeit der Oper zu Beginn der vorletzten Jahrhundertwende die Totenmaske einer in der Seine Ertrunkenen zur Ikone machte. Und sie greift auf die Urlegende zurück, dass die Nixen Frauen sind, die sich wegen einer unerwünschten Schwangerschaft ertränkt hatten. Weshalb der Wassermann nun die Föten in Formalin entsorgt.

Das und anderes ist im Programmheft nachzulesen, auf der Bühne indes will sich kein schlüssiges Ganzes fügen, kein Zauber einstellen. Überdies taumelt Andrea Shins Prinz eher unbedarft durch die Handlung, als Typ ein Weichei, wenn auch mit kernigen Tenortönen. Problematisch auch, dass Brigitte Hahn als fremde Fürstin eher mütterlich-arrogant denn verführerisch tönt. Hilsdorf verzichtete auf jegliche Naturidylle. Anja Bihlmaier griff diesen Ansatz mit einer eher zupackenden als idyllisierenden, die dramatischen Facetten der Partitur betonenden Lesart Dvoráks auf. Beeindruckend, wie sie – unterstützt durch einen hellwachen Chor und eine rundum solide Solistenriege – die Klangfäden zusammenhält. Da schlagen die fundierte Ausbildung und die in Görlitz, Coburg, Hildesheim und Chemnitz gesammelte Erfahrung durch, die die inzwischen 36-jährige 2013 als Zweite Kapellmeisterin an die Staatsoper Hannover geführt hatte.

In Kassel dirigiert sie während ihrer ersten Spielzeit u. a. die «Entführung», «Eugen Onegin», «La Bohème» und einige Vorstellungen der neuen «Norma» (siehe S. 39). Im Rahmen von Hannovers Junger Oper steht noch ein Jugendprojekt rund um Händels «Orlando» an. Der ist zwar ein Mann – aber natürlich ziehen auch hier die Frauen die Fäden.   


Rainer Wagner / opernwelt / Seite 83 / Dezember 2015

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